Startseite Allgemeines Eine neue Realität: Wie Europa die transatlantische Freundschaft verlor
Allgemeines

Eine neue Realität: Wie Europa die transatlantische Freundschaft verlor

Ronile (CC0), Pixabay
Teilen

Es dauerte nur sechs Tage – dann war für Europa nichts mehr wie zuvor. Am siebten Tag hätte man sich gewünscht, Donald Trump würde einfach mal Pause machen.

Seit der US-Präsident am vergangenen Samstag mit Strafzöllen drohte, um sich Zugang zu Grönland zu erzwingen, ist klar: Die Spielregeln der alten Weltordnung gelten nicht mehr. In den Worten des kanadischen Premierministers Mark Carney: „Das ist kein Wandel, sondern ein Bruch.“

Was bleibt, ist ein geopolitisches Schlachtfeld, auf dem Lautstärke und Macht entscheiden – und ein Grundpfeiler westlicher Stabilität, das transatlantische Vertrauen, ist zerbröckelt.

Trump bricht Tabus – und Allianzen

Schon 2019 hatte Trump öffentlich mit dem Gedanken gespielt, Grönland zu kaufen. Doch seine Drohung, sich das dänische Gebiet notfalls mit Druck zu holen („Wir bekommen Grönland – notfalls auf die harte Tour“) hat Europas Regierungschefs schockiert. Selbst Polens Premier Donald Tusk sprach von „Appeasement“ – ein historisch aufgeladener Begriff, der im europäischen Gedächtnis tief verankert ist.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron formulierte es nüchtern: „Wir haben die Woche mit einer Eskalation begonnen – mit Invasionsdrohungen und Strafzöllen gegen einen NATO-Partner.“

Die Rhetorik aus Washington? Für viele in der EU untragbar. Ein ranghoher EU-Diplomat sprach von „volatiler neuer Realität“ und „völlig unorthodoxer Kommunikation“.

Die alte Freundschaft ist vorbei

EU-Ratspräsident Antonio Costa erklärte nach einem Krisentreffen der Staats- und Regierungschefs: „Wir erwarten einen respektvollen Umgang mit unseren Partnern.“ Ein Seitenhieb gegen Trumps wiederholte Ausfälle gegenüber Verbündeten – online wie offline.

Die Erkenntnis reift: Die USA unter Trump sind nicht mehr der verlässliche Partner von einst. „Die transatlantischen Beziehungen, wie wir sie kannten, sind tot“, sagte Ex-Ratschef Charles Michel gegenüber CNN.

Ein EU-Diplomat brachte es auf den Punkt: „Wer Grönland mit Gewalt holen will, dem glaubt niemand, dass er Estland verteidigen würde.“

Europa auf dem Scheideweg

Vor Europa steht nun eine unbequeme Wahl: sich unterordnen oder emanzipieren. Polens Tusk stellte klar: „Unterwerfung bringt nichts außer Demütigung.“ Belgiens Premier Bart De Wever sagte in Davos, er sei lieber ein „glücklicher Vasall als ein elender Sklave der USA“.

In Brüssel wächst die Einigkeit, sich nicht länger den Launen eines erratischen Weißen Hauses auszuliefern – besonders in Sicherheitsfragen. Macrons deutliche Worte: „Wir bevorzugen Respekt vor Einschüchterung.“

Kein Zurück zur alten Normalität

Zwar brachte das EU-Treffen am Donnerstag etwas Erleichterung, doch niemand rechnet mehr mit einer Rückkehr zum Status quo. Die geplanten Investitionen in eine europäische Verteidigungsindustrie werden 2026 weiter Fahrt aufnehmen – „Buy European“ lautet das neue Mantra.

Ein EU-Kommissar sprach sogar offen über die Idee einer europäischen Armee – ein weiteres Tabu, das Trumps Druck offenbar an die Oberfläche gespült hat.

Die Bedrohungen bleiben

Trotz allem: Die äußeren Bedrohungen für Europa sind dieselben geblieben. Russland bombardierte diese Woche erneut Kiew, Finnland warnte vor Sabotage an Unterwasserinfrastruktur, und China sowie Akteure im Nahen Osten bleiben Risikofaktoren.

Auch wenn Trump nach europäischem Widerstand von seinen Grönland-Plänen abrückte, bleibt seine Botschaft klar: Wer sich ihm widersetzt, riskiert wirtschaftlichen Schaden. So sah sich Deutschlands Kanzler Friedrich Merz bemüßigt, sich für Trumps „Einsicht“ zu bedanken.

Noch Zusammenarbeit – aber wie lange?

In der Arktis arbeiten amerikanische und europäische Soldaten weiterhin Seite an Seite. Doch wie lange noch?

„Die Praktiker arbeiten weiter zusammen – bis man es ihnen verbietet“, sagte der arktische Sicherheitsexperte Troy Bouffard. „Alle müssen über das politische Getöse hinauswachsen.“

Das mag stimmen. Aber das neue transatlantische Kapitel ist angebrochen – und es wird kühler geschrieben als je zuvor.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

FBI-Agentin tritt nach umstrittener ICE-Schießerei in Minneapolis zurück

Die FBI-Agentin, die ursprünglich mit der Untersuchung der tödlichen Schüsse eines ICE-Beamten...

Allgemeines

Ehemaliger Olympia-Snowboarder und FBI-Top-Fahndungsziel Ryan Wedding festgenommen

Ein ehemaliger kanadischer Olympia-Snowboarder, der laut Ermittlern zu den größten Kokainhändlern Nordamerikas...

Allgemeines

Christian Horner plant angeblich Rückkehr in die Formel 1 – bei Alpine

Kommt das Comeback des ehemaligen Red-Bull-Teamchefs in der Formel 1? Laut der...

Allgemeines

Zwischen den Großmächten: Kanada muss beweisen, dass es die Arktis verteidigen kann

Die kanadische Arktis ist riesig, dünn besiedelt – und zunehmend ein geopolitisches...