Die Beschlagnahmung eines russisch beflaggten Öltankers war Teil einer umfassenderen Strategie der Trump-Regierung, Venezuelas Ölvorräte am Verlassen des Landes zu hindern. Doch was sich zwischen Weihnachten und Anfang Januar auf hoher See abspielte, glich einem Spionagethriller.
Der altersschwache, rostige Tanker Bella 1 wurde über 18 Tage hinweg von der US-Küstenwache durch den Atlantik verfolgt. In einem Täuschungsmanöver malte die Besatzung eine russische Flagge auf den Rumpf und benannte das Schiff in Marinera um. Kurz darauf versuchte Moskau, die Verfolgung durch eine diplomatische Note an Washington zu stoppen.
Die US-Regierung wies das russische Manöver als „Scheinflagge“ zurück und erklärte das Schiff für staatenlos. Die Küstenwache ließ sich nicht beirren: Der Einsatz ging weiter – unterstützt von Spezialkräften, Navy SEALs, Aufklärungsflugzeugen und Helikoptern der US-Armee. Am Mittwoch, rund 300 Kilometer südlich von Island, seilten sich US-Einheiten bei Morgengrauen aus Hubschraubern ab und übernahmen das Schiff.
Laut Präsident Trump befanden sich in der Nähe ein russisches U-Boot und ein Zerstörer, die sich jedoch „sehr schnell zurückzogen, als wir ankamen“, wie er in einem Interview mit Fox News sagte.
Verfolgung als politisches Signal
Der Fall Bella 1 ist nur einer von mehreren jüngsten Tanker-Beschlagnahmungen. In den letzten Wochen wurden fünf Schiffe auf hoher See von den USA gestoppt – ein klares Signal, dass die Regierung Trumps ihre Sanktionen gegenüber Venezuela, Russland und Iran entschlossener denn je durchsetzt.
Was die Bella 1 besonders macht: Sie war zum Zeitpunkt der Beschlagnahmung offenbar leer, was Analysten stutzig macht. Dennoch sei der symbolische Wert hoch.
„Das war eine klare Botschaft an die Schattenflotte“, so Admiral a.D. James Stavridis, früherer NATO-Oberbefehlshaber und CNN-Experte. „Sie sollen wissen, dass sie nirgendwo sicher sind – unabhängig davon, ob sie beladen sind oder nicht.“
Tarnung, Täuschung – und ein Bluff
Die Bella 1 war kein unbeschriebenes Blatt: Bereits 2024 hatte das US-Finanzministerium das Schiff sanktioniert. Die Tanker der sogenannten Schattenflotte operieren mit Tricks – sie wechseln Flaggen, schalten Ortungssysteme aus oder ändern Namen, um US-Kontrollen zu entgehen. Als die Bella 1 sich Venezuela näherte, fuhr sie zunächst unter falscher Flagge aus Guyana.
Am 31. Dezember wurde dann die russische Flagge entdeckt – unsauber auf den Rumpf gepinselt. Kurz darauf registrierte Russland das Schiff offiziell unter dem neuen Namen Marinera.
Die USA werteten den Vorgang als gezielten Bluff. Hätte man die Reflagging-Taktik durchgehen lassen, hätte das Nachahmer ermutigt, meint Joseph Webster vom Atlantic Council: „Es wäre ein gefährlicher Präzedenzfall geworden.“
Spezialeinheit im Einsatz – weit außerhalb US-Gewässer
Die Verfolgung der Bella 1 führte weit über internationale Gewässer hinaus, bis in die Nordatlantikregion zwischen Großbritannien und Island. Das US-Militär verlegte zuvor Aufklärungsflugzeuge, Transportmaschinen und Spezialhubschrauber nach Großbritannien. Navy SEALs sowie die Helikoptereinheit „Night Stalkers“ (160th Special Operations Aviation Regiment) bereiteten sich auf einen Zugriff vor. Die britische Regierung unterstützte den Einsatz.
In einer waghalsigen Aktion übernahmen US-Kräfte schließlich das Schiff. Es war zu diesem Zeitpunkt bereits hunderte Kilometer von jeglicher Küste entfernt – und ohne nachweisbare Ölladung an Bord.
Laut Trump wird das Schiff nun „entladen“, wobei Beobachter anmerken, dass es wohl gar kein Öl transportierte. Dennoch könne es beschlagnahmt und möglicherweise versteigert werden, so Ex-Küstenwachenberater Aaron Roth: „Auch leere Schiffe können einen Marktwert haben.“
Ein Musterfall für aggressive Sanktionspolitik
Die Bella 1 war nicht der einzige Tanker, den die USA im Zuge ihrer Blockadepolitik gegen Venezuela festgesetzt haben. Bereits am 10. Dezember wurde die Skipper, ein weiterer sanktionierter Tanker, vor der venezolanischen Küste gestoppt. Trump brüstete sich danach öffentlich mit der Beschlagnahmung: „Größter Tanker, der je beschlagnahmt wurde.“
Nur Tage später folgten weitere Beschlagnahmungen, darunter die Centuries und die Sophia. Insgesamt verfolgen die USA derzeit bis zu 16 sanktionierte Tanker, die versuchen, aus Venezuela zu entkommen, wie die New York Times berichtet.
Trumps „totale Blockade“ gegen Venezuelas Ölindustrie soll laut offiziellen Angaben verhindern, dass Einnahmen aus dem illegalen Ölverkauf an Länder wie China, Kuba oder Russland fließen – ein zentraler Bestandteil seiner Strategie nach der Festnahme von Nicolás Maduro und der Verschärfung des internationalen Sanktionsregimes.
Fazit: Neue Front in der Sanktionenpolitik
Der Fall Bella 1 zeigt, wie weit die USA inzwischen bereit sind zu gehen, um Sanktionen durchzusetzen – auch außerhalb ihrer direkten Einflusszonen. Die Verfolgung über 6.400 Kilometer hinweg, der Einsatz von Spezialeinheiten und die diplomatische Konfrontation mit Russland verdeutlichen die neue Härte der US-Außenpolitik unter Trump.
Für die Schattenflotten, die weiterhin versuchen, den Ölfluss trotz internationaler Sanktionen aufrechtzuerhalten, bedeutet das: Die Spielräume werden enger – egal unter welcher Flagge sie fahren.
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