Im Sommer 2025 startete die 65-jährige Britin Karen Newton zusammen mit ihrem Ehemann Bill (66) zu einer lang geplanten Rundreise durch die USA. Sie wollten mehrere Wochen unterwegs sein, von Kalifornien über Nevada, Wyoming und Montana bis nach Kanada – ein Traumurlaub, auf den sie sich seit Jahren gefreut hatten. Karen hatte ein gültiges US-Touristenvisum (B-2) und keinerlei Vorstrafen oder Probleme mit Einwanderungsbehörden.
Doch dieser geplante Traumurlaub verwandelte sich in einen schwer fassbaren „Albtraum“, als das Paar im September 2025 versuchte, in Kanada einzureisen. Was zunächst wie ein bürokratisches Missverständnis begann, führte schließlich dazu, dass Karen trotz gültigem Visum von US-Einwanderungsbehörden festgenommen, in Handschellen gelegt und für mehrere Wochen in Gewahrsam gehalten wurde – eine Erfahrung, die sie selbst als schockierend und traumatisch beschreibt.
Die Reise – und der Wendepunkt an der Grenze
Der Urlaub verlief zunächst ohne besondere Vorkommnisse. Doch am 26. September 2025 stellte die kanadische Grenzpolizei fest, dass das Auto des Paares nicht die benötigten Dokumente für eine Einreise nach Kanada hatte. Die Newtons wurden zurück zur US-Grenze geschickt. Dort entdeckten US-Behörden, dass Bills Visum abgelaufen war, während Karens Visum weiterhin gültig war. Doch statt Karen einfach weiterreisen zu lassen oder sie – wie erwartet – nach Großbritannien zurückzuführen, nahmen Grenzbeamte beide fest.
Karen hatte keine Straftaten begangen und war sich keiner Gesetzesverletzung bewusst. Trotzdem wurde sie zunächst ohne klare Begründung in ein Büro gebracht und stundenlang festgehalten. Dann erschienen Beamte mit Ketten und Handschellen und legten sie ihr und Bill an Händen, Füßen und Taille an. Dies markierte den Beginn eines mehrwöchigen Aufenthalts in US-Gewahrsam – trotz Karens legaler Aufenthaltsgenehmigung.
Von der Grenzkontrolle zur ICE-Haft
Nach der Festnahme wurden Karen und Bill nach Angaben von Newton über Nacht mehrere hundert Meilen durch die USA gefahren. Im Mittelpunktsstaat Montana wurden sie zunächst in einer kleinen Grenzgefängniszelle untergebracht, wo sie ohne Betten auf dem Boden schlafen mussten. Kurz darauf brachte man sie zum Northwest ICE Processing Center in Tacoma (Bundesstaat Washington) – einem Abschiebe- und Inhaftierungszentrum der US-Einwanderungsbehörde U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE).
In der ICE-Einrichtung angekommen, wurden die Newtons getrennt. Karen wurde in den Frauentrakt gebracht, der intern als verschlossene große Halle beschrieben wird, in der viele Betten und Tischgruppen stehen – ähnlich einer Massenunterkunft, aber hinter verriegelten Türen mit ständigem Bewachungspersonal.
Da sie körperlich nicht in der Lage war, in dem engen System die obere Etage der Bettenleiter zu erreichen, schlief sie viele Tage lang auf dem Boden auf einer dünnen Matratze. Die Lichtverhältnisse waren dauerhaft hell, es gab kaum Fenster und kaum Orientierung für den Tagesrhythmus. Diese Bedingungen, so berichtete Newton später, empfand sie als zutiefst deprimierend und belastend.
Karen beschreibt ihre Zeit dort als „wie im Gefängnis“, obwohl es eigentlich eine Detention Facility – also eine Haftanstalt für ausländerrechtliche Zwecke – ist. Die dauernde Ungewissheit über Dauer und Ausgang ihres Aufenthalts verstärkte bei ihr das Gefühl der Hilflosigkeit: Niemand konnte ihr sagen, wie lange sie festgehalten würde oder wie sie ihre Freilassung erreichen könne.
„Guilt by association“: Warum wurde sie festgehalten?
Obwohl ihr eigener Aufenthalt legal war, wurde Karen wiederholt erklärt, dass sie eine Verletzung der Visabedingungen begangen habe – „durch Assoziation“ mit ihrem Ehemann. Die Begründung lautete, sie habe ihn bei der Planung seiner Reise unterstützt und damit indirekt gegen Visa-Regeln verstoßen. Aus Karens Sicht war dies jedoch völlig unverständlich: Sie hatte keinerlei Teil an einem Gesetzesverstoß, sondern wollte lediglich die gemeinsamen Ferien genießen.
Während ihrer Haftzeit ergaben sich zusätzliche Erklärungsversuche, die ihr von ICE-Wachpersonal zugetragen wurden: Einige Beamte behaupteten gegenüber Karen, ICE-Agenten würden für jede Person, die sie in Gewahrsam nehmen, eine finanzielle Prämie erhalten. Ob diese Behauptung stimmt, ist nicht offiziell bestätigt, doch sie nährte Karens Eindruck, dass das System nicht unbedingt an Gerechtigkeit interessiert sei, sondern an der Erhöhung von Inhaftierungszahlen.
Self-Removal und weitere Wochen in Haft
Nach einigen Tagen in Gewahrsam wurde Karen ein so genanntes „Project Homecoming“-Angebot unterbreitet. Dies ist ein Programm, bei dem Personen, die freiwillig den USA-Aufenthalt beenden, einen bezahlten Rückflug und eine Austrittsprämie erhalten – im Gegenzug verzichten sie auf das Recht, ihren Fall vor Gericht anzufechten oder gegen ihre Inhaftierung vorzugehen.
Karen und Bill unterschrieben diese Formulare, da sie nur eines wollten: nach Hause zurückkehren. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie bereits mehrere Tage mit unklarer Perspektive erlebt und hofften, dass die freiwillige Ausreise ihren Fall schnell beenden würde. Doch stattdessen blieben sie weitere Wochen in Haft, insgesamt insgesamt etwa sechs Wochen (42 Tage), bevor sie schließlich im November 2025 freigelassen und abgeschoben wurden.
Isolation, mangelnde Unterstützung & psychische Belastung
Während ihrer Zeit in Haft wurde Karen von ihrem Ehemann getrennt, was sie emotional stark belastete. Kontakte zu britischen Konsulatsbeamten waren nur sehr begrenzt möglich und boten kaum greifbare Unterstützung. Karen berichtete, sie habe mehrfach versucht, konsularische Hilfe zu erreichen, doch die Antworten blieben vage und wenig hilfreich.
Die Haft war geprägt von einem Mangel an klaren Informationen: Karen wusste oft nicht, wie lange sie schon dort war oder wann eine Entscheidung über ihren Fall fallen würde. Für sie verstärkte dies das Gefühl, dass das System sie ignorierte und sich jeder Rechtsstaatlichkeit entzog. Solche ungewissen und entmenschlichenden Bedingungen haben bei ihr Spuren hinterlassen, und sie beschreibt die Erfahrung als tief erschütternd.
Eine Warnung an Reisende und größere Bedeutung
Nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien äußerte Karen eine deutliche Warnung an andere Reisende: „Reist nicht in die USA – nicht mit Donald Trump an der Macht.“ Sie sieht in ihrem eigenen Fall ein Beispiel dafür, wie selbst harmlose Touristen in das US-Einwanderungssystem geraten können, selbst wenn sie im Besitz aller erforderlichen Dokumente sind.
Ihr Fall hat auch international Aufmerksamkeit erzeugt, da die USA 2025 als einziges großes Touristenziel einen Rückgang internationaler Besucher verzeichneten, was zu geschätzten Verlusten von über 12,5 Milliarden USD an Tourismuseinnahmen führte. Viele Branchenvertreter führen diesen Rückgang teilweise auf Berichte über willkürliche Inhaftierungen und eine wahrgenommene Unsicherheit für Reisende zurück.
Vor allem mit Blick auf den bevorstehenden FIFA-Weltmeisterschaft 2026 äußerte Karen Besorgnis, dass junge Fans und Besucher ohne böse Absichten in ähnliche Situationen geraten könnten, etwa bei geringfügigen Verstößen oder Missverständnissen an der Grenze.
Karens Fall ist kein Einzelfall, sondern steht im Kontext einer verschärften Einwanderungs- und Abschiebepolitik der Trump-Administration, in deren Folge Berichte über die Inhaftierung von Ausländern, Rückkehrern und sogar rechtmäßig reisenden Touristen zugenommen haben. Andere Urlauber aus Deutschland, Neuseeland und Großbritannien wurden ebenfalls in ICE-Einrichtungen festgehalten, oft unter ähnlichen Umständen ohne klare rechtliche Grundlage.
Während ICE offiziell betont, dass seine Maßnahmen legal und notwendig seien, kritisieren Beobachterinnen und Betroffene die Praxis als willkürlich und übermäßig hart – besonders wenn Menschen ohne Straftaten oder gefährliches Verhalten in Gewahrsam genommen werden.
Ein Fall, der Fragen aufwirft
Der Fall von Karen Newton zeigt eindrücklich, wie ein legales Visum allein keinen Schutz vor massiver Inhaftierung bieten kann, wenn komplexe oder missverständliche Umstände an einer Grenzkontrolle auftreten. Die Erfahrung einer älteren Touristinnen, die zu einem harmlosen Urlaub aufbrach und schließlich wochenlang in Gewahrsam gehalten wurde, wirft Fragen auf über Rechtsstaatlichkeit, Transparenz und den Umgang mit internationalen Reisenden durch staatliche Behörden.
Karen selbst fasst ihre Erfahrung mit den Worten zusammen, dass sie niemandem wünsche, in so eine Lage zu geraten – und dass, wenn es ihr passieren kann, es jedem passieren könnte.
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