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„Eddington“ – Wenn der Wahnsinn von 2020 Westernstiefel trägt

RosZie (CC0), Pixabay
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Was passiert, wenn man Pandemie, Verschwörung, Bürgermeisterwahl und eine Prise John-Wayne-Romantik in einen Filmrührtopf wirft? Ganz genau: Ari Aster bekommt Fieberträume und macht daraus „Eddington“ – den vermutlich ersten Covid-Western der Filmgeschichte. Eine Realsatire, die so nah an der Wirklichkeit ist, dass man unwillkürlich hustet.

Mai 2020: Maskenpflicht trifft Staubmantel

Wir befinden uns im fiktionalen Nirgendwo von New Mexico, wo die Welt zwar untergeht, aber der Sheriff noch mit Cowboyhut zum Covid-Test fährt. Joaquin Phoenix, sichtlich traumatisiert vom Aster’schen Vorfilm „Beau is Afraid“, spielt einen Gesetzeshüter, der die Maßnahmen mit derselben Überzeugung verfolgt, mit der man Toast auf der falschen Seite bestreicht. Er glaubt an Freiheit, aber vor allem an Ruhe.

Doch in Eddington, diesem texanisch anmutenden Mikrokosmos zwischen Handdesinfektionsmittel und Heimatliebe, herrscht Maskenkrieg. Auf der einen Seite: Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal, gewohnt gut rasiert), der lieber einen Amazon-Datenbunker baut als einen Covid-Test macht. Auf der anderen: Phoenix’ Joe Cross, ein Mann, der aus Versehen zur politischen Symbolfigur wird, weil er seine Maske zu oft falsch herum trägt.

Amerikas Antwort auf Shakespeare: Schwiegermütter mit Telegram-Kanälen

Das eigentliche Drama aber spielt sich zu Hause ab: Joe lebt mit einer Frau, die sich seit einem Trauma der körperlichen Nähe ebenso entzieht wie Diskussionen über Impfraten – gespielt von einer gespenstisch guten Emma Stone, die ungefähr so viel Wärme ausstrahlt wie eine Tiefkühltruhe bei Stromausfall. Und dann ist da noch ihre Mutter: eine Influencerin im besten Pensionsalter mit Bachelor in QAnon und Master in Facebook-Kommentaren.

Diese Schwiegermutter redet nicht nur vom „Deep State“ – sie hält sich darin auf wie andere in der Badewanne. Und wenn sie gerade nicht von adrenochromsaugenden Eliten spricht, verdirbt sie Joe das Abendessen mit Videos von Schlangenmenschen im US-Senat.

Widerstand mit Cowboyhut und Twitter-Account

Joe wird zum Bürgermeisterkandidaten wider Willen – so wie man eben auch mal im Suff aus Versehen einen Onlinekurs bucht. Seine Agenda: Weniger Maske, mehr Männlichkeit. Ted Garcia dagegen lächelt die Pandemie einfach weg und unterschreibt Deals mit Tech-Milliardären. Man könnte meinen, es gehe um die Kontrolle einer Stadt, doch in Wahrheit geht’s um etwas viel Größeres: um Likes, Profilbild-Inszenierung und das gute alte Gefühl, irgendwie recht zu haben.

Es gibt keine Helden – nur Narrensaum

Aster macht sich einen Spaß daraus, jeden moralischen Halt zu sabotieren: Der linksliberale Bürgermeister ist ein neoliberales Chamäleon mit PR-Berater im Ohr. Der Sheriff radikalisiert sich, weil ihm keiner mehr zuhört. Die BLM-Demo im Kaff besteht aus privilegierten Bürgerkindern, die einem obdachlosen Mann erklären, dass er seine Wut bitte dekolonial artikulieren soll. Und auch die Antifa bekommt ihren grotesken Auftritt – im Showdown mit Sturmhaube und Pappschildern.

Der Film zeigt nicht nur, wie wir uns alle gegenseitig verloren haben, sondern auch, wie viel Energie wir in das Aufrechterhalten unserer Überzeugungspanzer investieren – egal wie hohl sie klingen mögen. Das alles inszeniert Aster als Mischung aus Wüstenwestern, Pandemie-Burleske und Familienaufstellung mit Faustschlag.

Der vielleicht lustigste Zusammenbruch der Gesellschaft seit „Idiocracy“

„Eddington“ ist keine Satire – es ist ein Screenshot unserer Zeit, aber mit besserer Kamera und Pedro Pascal. Die Absurdität liegt nicht im Drehbuch, sondern im kollektiven Gedächtnis. Jeder Dialog erinnert an Gruppenchats, die wir längst verlassen haben. Jeder Charakter an einen Onkel, der uns wahlweise Impftipps oder Revolutionsaufrufe schickte.

Aster liefert keine Antworten, nur Diagnosen. Und die sind bitter, ehrlich und manchmal verdammt lustig – wie ein Hustenanfall im Yoga-Raum oder ein Zoom-Call mit fünf Verschwörungstheoretikern.


Fazit:
„Eddington“ ist ein Film für alle, die sich fragen, ob der Wahnsinn der letzten Jahre wirklich passiert ist – und dann feststellen: Ja, und wir haben ihn mit Popcorn begleitet.

 

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