Nach einem Vierteljahrhundert zäher Verhandlungen haben sich die Europäische Union und der südamerikanische Handelsblock Mercosur (Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay) auf ein umfassendes Freihandelsabkommen geeinigt. Es ist das bislang größte seiner Art für die EU – und ein politisches Signal gegen zunehmenden Protektionismus.
Das Abkommen muss noch vom Europäischen Parlament ratifiziert werden, was in den kommenden Monaten erwartet wird.
Lula: „Historischer Tag für den Multilateralismus“
Der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sprach von einem „historischen Tag für den Multilateralismus“ und lobte das Abkommen als Beweis für das Festhalten an einer regelbasierten internationalen Zusammenarbeit – vor dem Hintergrund wachsender Handelshemmnisse, insbesondere durch die Politik von US-Präsident Donald Trump, der zuletzt mit Strafzöllen und militärischem Eingreifen in Venezuela für Aufsehen sorgte.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete das Abkommen als „Win-win“ für Verbraucher und Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks.
Proteste von Landwirten in Europa
Kritik kommt insbesondere von europäischen Landwirten, die billige Importe von Rindfleisch, Geflügel und Zucker fürchten. In Frankreich und Belgien kam es zu Traktor-Demonstrationen, auch vor dem Arc de Triomphe in Paris.
„Es gibt viel Schmerz und viel Wut“, sagte Judy Peeters, Vertreterin einer belgischen Junglandwirte-Organisation.
Die EU-Kommission betonte, man habe die Sorgen der Bauern ernst genommen und sogenannte „robuste Schutzmechanismen“ ins Abkommen integriert, um europäische Agrarbetriebe zu schützen.
Klimaschutz und Rohstoffe im Fokus
Neben wirtschaftlichen Vorteilen soll das Abkommen auch Verpflichtungen zum Klimaschutz enthalten – etwa zur Bekämpfung der Abholzung in Südamerika. Zudem sichert es europäischen Unternehmen den Zugang zu kritischen Rohstoffen wie Kupfer, Lithium und Seltenen Erden, die für Batterien und erneuerbare Technologien zentral sind.
Nach Angaben der EU-Kommission könnten europäische Firmen durch den Wegfall von Exportzöllen jährlich rund 4 Milliarden Euro einsparen.
Signal an China, Russland – und Trump
Cecilia Malmström, frühere EU-Handelskommissarin und Mitverhandlerin des Abkommens, bezeichnete den Deal auch als „geopolitisches Signal an Staaten, die regelbasierten Handel nicht im gleichen Maße schätzen wie wir“. Zudem seien Umweltverpflichtungen einklagbar – bei Verstößen könnten Teile des Abkommens ausgesetzt werden.
Ratifizierung steht bevor – Kritik an begrenztem ökonomischen Nutzen
Obwohl eine breite Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten dem Abkommen zugestimmt hat, steht die Zustimmung des Europäischen Parlaments noch aus. Dort dürfte die Abstimmung knapp ausfallen.
Jack Allen-Reynolds, Ökonom bei Capital Economics, bezeichnete den erwarteten ökonomischen Nutzen jedoch als begrenzt: Der positive Effekt auf das EU-BIP werde laut Kommission nur 0,05 % betragen – und das erst bis 2040, da das Abkommen schrittweise über 15 Jahre eingeführt werde.
Hintergrund: Die Verhandlungen mit dem Mercosur-Block begannen 1999. Das Abkommen war immer wieder ins Stocken geraten – unter anderem wegen Umweltbedenken, politischer Instabilität und europäischer Agrarinteressen. Mit dem Abschluss sendet die EU nun ein deutliches Zeichen für offene Märkte und strategische Partnerschaften im globalen Süden.
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