Ein seit fast sechs Jahrzehnten geltendes Abkommen zur Regelung des Gebets am Jerusalemer Heiligtum um die Al-Aqsa-Moschee steht laut Experten vor dem Aus. Die bisherige Status-quo-Regelung aus der Zeit nach dem Sechstagekrieg 1967 sah vor, dass auf dem Gelände – von Muslimen als Haram al-Sharif, von Juden als Tempelberg bezeichnet – ausschließlich Muslime beten dürfen.
In den vergangenen Wochen kam es jedoch zu Festnahmen von Waqf-Mitarbeitern, Zutrittsverboten für Dutzende muslimische Angestellte sowie zu verstärkten Besuchen radikaler jüdischer Gruppen. In dieser Woche wurde zudem ein Imam der Al-Aqsa-Moschee festgenommen, während die israelische Polizei am ersten Abend des Ramadan das Gelände betrat.
Politisch brisante Gemengelage
Beobachter sehen einen Zusammenhang mit dem wachsenden Einfluss rechtsextremer Kräfte in der israelischen Regierung. Der rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir hatte wiederholt provokative Besuche angekündigt und sich für jüdisches Gebet auf dem Areal ausgesprochen. Auch unter Premierminister Benjamin Netanyahu wurden laut Kritikern schrittweise Änderungen zugelassen, etwa das Mitbringen gedruckter Gebetstexte.
Der Jerusalemer Anwalt Daniel Seidemann warnt: „Al-Aqsa ist ein Zünder.“ Jede reale oder wahrgenommene Bedrohung des sensiblen Status könne Unruhen auslösen – in Jerusalem, im Westjordanland und darüber hinaus.
Historisch hochexplosiv
Veränderungen am Status quo hatten in der Vergangenheit gravierende Folgen. Ein Besuch von Ariel Sharon im Jahr 2000 trug zum Ausbruch der zweiten Intifada bei. Auch die islamistische Organisation Hamas begründete ihren Großangriff auf Israel im Oktober 2023 unter anderem mit angeblichen Verletzungen des Status an der Moschee.
Angesichts des laufenden Gaza-Krieges und der angespannten Lage im Westjordanland warnen Analysten vor einer besonders gefährlichen Dynamik in diesem Ramadan. Die Kombination aus politischer Radikalisierung, Sicherheitsmaßnahmen und religiöser Symbolik mache die Situation „außergewöhnlich explosiv“.
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