Nach mehreren turbulenten Tagen an den US-Börsen hat die Wall Street am Freitag deutlich zugelegt. Der Dow Jones stieg um 1.006 Punkte beziehungsweise 2,06 Prozent und erreichte ein neues Tagesrekordhoch. Auch der S&P 500 gewann 1,63 Prozent, während der technologieorientierte Nasdaq um 1,88 Prozent zulegte.
Für Dow und S&P war es der beste Handelstag seit Mai, für den Nasdaq sogar der stärkste Anstieg seit November. Die kräftige Erholung folgte auf den heftigsten dreitägigen Rückgang des Nasdaq seit April. Allein in dieser Woche hatte der Index zuvor mehr als 1,5 Billionen US-Dollar an Börsenwert verloren.
Warum die Märkte zuletzt unter Druck standen
Der jüngste Ausverkauf traf vor allem Technologie- und Softwarewerte und hatte mehrere Ursachen:
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Sorgen, dass künstliche Intelligenz (KI) bestehende Geschäftsmodelle im Softwarebereich untergraben könnte
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Skepsis gegenüber den hohen Investitionen der Tech-Konzerne in Rechenzentren für den KI-Boom
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Bereits hohe Bewertungen vieler Tech-Aktien nach starken Kursgewinnen der vergangenen Jahre
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Ein Stimmungsumschwung: Statt pauschaler KI-Euphorie rücken nun Gewinner und Verlierer stärker in den Fokus
Zusätzlich belastete der Rückgang risikoreicher Anlagen wie Bitcoin, der auf den tiefsten Stand seit Oktober 2024 fiel, die Marktstimmung. Viele Anleger suchten vorübergehend Zuflucht in vermeintlich sichereren Investments.
KI-Sorgen setzen Software-Aktien unter Druck
Neue KI-Werkzeuge des Start-ups Anthropic, die unter anderem für juristische Anwendungen gedacht sind, verunsicherten Investoren. Die Befürchtung: Unternehmen könnten künftig spezialisierte Software-Abonnements kündigen und stattdessen auf KI-Lösungen setzen – mit direkten Folgen für die Umsätze klassischer Softwareanbieter.
Ob dieses Szenario tatsächlich eintritt, ist offen. Dennoch reagierte der Markt nervös. Besonders Aktien aus dem Bereich Rechts- und Finanzsoftware gerieten unter Verkaufsdruck. Der Softwarekonzern Salesforce, Mitglied im Dow Jones, verlor bereits 20 Prozent im Jahr 2025 und liegt 2026 bislang rund 29 Prozent im Minus.
Big Tech investiert weiter – Anleger bleiben skeptisch
Parallel läuft die Berichtssaison der Unternehmen. Große Tech-Konzerne wie Microsoft, Alphabet und Amazon kündigten zuletzt an, ihre Ausgaben für Rechenzentren und KI-Infrastruktur weiter zu erhöhen. Anleger fragen sich jedoch, wann und in welchem Umfang diese Investitionen tatsächlich zu nachhaltigen Gewinnen führen.
Microsoft-Aktien fielen Ende Januar nach der Zahlenvorlage um zehn Prozent, Amazon verlor am Freitag nach der Veröffentlichung seiner Quartalszahlen neun Prozent. Analysten betonen, dass der Erwartungsdruck enorm hoch sei und Investoren klare Ertragsnachweise verlangen.
Hohe Bewertungen machten Tech anfällig
Der KI-Boom hat die Aktienmärkte in den vergangenen drei Jahren stark angetrieben. Einige Investoren nutzen nun die Gelegenheit, Gewinne mitzunehmen. Besonders deutlich zeigte sich das bei einzelnen Einzeltiteln:
Der Chipkonzern AMD verlor zeitweise 17 Prozent an einem Tag – der stärkste Tagesverlust seit 2017.
Auch andere zuvor stark gestiegene Aktien korrigierten deutlich. Der KI-Spezialist Palantir, der 2024 um 340 Prozent und 2025 um weitere 135 Prozent zugelegt hatte, liegt inzwischen rund 36 Prozent unter seinem Rekordhoch. Oracle wiederum verlor seit September rund 60 Prozent, nachdem die Aktie zuvor von einer groß angekündigten Partnerschaft mit OpenAI profitiert hatte.
Vom KI-Hype zur Auswahl der Gewinner
Während in den vergangenen Jahren nahezu jede KI-bezogene Aktie von der Euphorie profitierte, müssen Investoren nun genauer hinschauen. Marktstrategen sprechen von einer Phase, in der sich klar zeigen werde, welche Unternehmen tatsächlich von KI profitieren und welche unter Druck geraten.
Einige Experten halten den jüngsten Ausverkauf jedoch für überzogen. Sowohl der Chef von Nvidia als auch Analysten von Barclays betonten, dass es unrealistisch sei, spezialisierte Software vollständig durch KI zu ersetzen. Entsprechend legte ein ETF auf Softwarewerte am Freitag um 2,8 Prozent zu und beendete eine achttägige Verlustserie.
Fazit
Die starke Erholung an der Wall Street deutet darauf hin, dass viele Anleger den jüngsten Kursrutsch als Kaufgelegenheit sehen. Gleichzeitig bleibt die Nervosität hoch. Ob die KI-Euphorie nur eine Pause einlegt oder sich der Markt dauerhaft neu sortiert, dürfte sich in den kommenden Monaten entscheiden.
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