US Präsident Donald Trump könnte sich in seiner Einschätzung zu Venezuelas Ölpotenzial verkalkuliert haben.
Während Trump sich enthusiastisch darüber äußerte, dass US-Ölkonzerne bald Zugang zu den gewaltigen Ölreserven Venezuelas bekommen könnten, zeigen sich Insider der Branche zurückhaltend. Branchenquellen berichten gegenüber CNN, dass es derzeit wenig Interesse gibt, in das südamerikanische Krisenland zu investieren. Die Gründe: politische Unsicherheit, marode Infrastruktur und die riskante Vergangenheit von Enteignungen ausländischer Ölunternehmen durch Caracas.
Risikofaktor Venezuela: Ungewisse Lage, hohe Kosten
Der mit Abstand größte Hinderungsgrund ist jedoch wirtschaftlicher Natur: Die aktuellen Ölpreise sind schlicht zu niedrig, um Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe – die nötig wären, um Venezuelas heruntergewirtschaftete Ölindustrie zu modernisieren – zu rechtfertigen.
„Die Bereitschaft, sich derzeit in Venezuela zu engagieren, ist sehr gering. Niemand weiß, wie sich die politische Lage entwickeln wird“, sagte ein hochrangiger Brancheninsider gegenüber CNN. „Die Erwartungen des Präsidenten decken sich nicht mit denen der Industrie. Das Weiße Haus hätte das gewusst, wenn es im Vorfeld das Gespräch mit der Branche gesucht hätte.“
Politik will, Industrie zögert
Trotzdem hält die US-Regierung an ihrer Linie fest. Eine Sprecherin des Weißen Hauses sagte gegenüber CNN: „Unsere Ölkonzerne sind bereit, in Venezuela zu investieren und dabei zu helfen, die zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen.“ Energieminister Chris Wright und Außenminister Marco Rubio sollen die Gespräche mit der Branche führen – erste Kontakte seien bereits hergestellt worden.
Doch laut internen Informationen zeigen sich die meisten Energieunternehmen bisher äußerst vorsichtig. Die politische Unsicherheit, die wirtschaftlichen Risiken und die Vorgeschichte Venezuelas mit Enteignungen wirken abschreckend.
Rhetorik statt Realismus
Zwar besitzt Venezuela laut offiziellen US-Schätzungen die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt – mehr als Irak, Russland oder die USA zusammen. Doch Rohölvorkommen allein reichen nicht aus. Für langfristige Investitionen brauchen Unternehmen Vertrauen in ein stabiles rechtliches und politisches Umfeld. Und das bietet Venezuela aktuell nicht.
„Nur weil dort Öl liegt, heißt das noch lange nicht, dass man es auch fördern wird“, so ein weiterer Branchenkenner. „Das ist kein Foodtruck – sondern ein Hochrisikogeschäft mit jahrzehntelangen Verpflichtungen.“
Zerfall einer einstigen Öl-Großmacht
Venezuelas Ölindustrie ist durch Jahre der Misswirtschaft, internationale Isolation und fehlende Investitionen weitgehend zusammengebrochen. „Venezuela ist pleite. Die staatliche Ölgesellschaft ist dysfunktional, das Land kann kaum seine Bevölkerung ernähren“, sagte Luisa Palacios, frühere Vorstandsvorsitzende von Citgo und gebürtige Venezolanerin.
Laut der Beratungsfirma Rystad Energy wären allein 53 Milliarden US-Dollar nötig, um die aktuelle Produktionsrate von etwa 1,1 Millionen Barrel pro Tag aufrechtzuerhalten – vergleichbar mit der Ölproduktion des US-Bundesstaats North Dakota. Um die Spitzenwerte der späten 1990er-Jahre mit rund 3 Millionen Barrel pro Tag wieder zu erreichen, müssten bis 2040 sogar rund 183 Milliarden US-Dollar investiert werden. Hinzu kommt: Venezuelas Öl ist überwiegend „schweres“ Rohöl, das teurer in der Verarbeitung ist als das leichtere Öl aus Texas.
Geringe Preise, geringe Anreize
Auch die globale Marktlage spricht gegen rasche Investitionen. Die Ölpreise sind im vergangenen Jahr um 20 Prozent gefallen – der stärkste Rückgang seit 2020. Für Verbraucher ist das gut, für Investoren jedoch ein Warnsignal: Geringe Preise senken die Renditeaussichten, besonders bei riskanten Großprojekten wie in Venezuela.
„Die Vorstellung, dass die venezolanische Ölindustrie von heute auf morgen neu durchstartet, ist illusorisch. Das ist alles sehr verfrüht“, meint Doug Leggate von Wolfe Research.
Ob das Weiße Haus mit Anreizen wie Investitionsgarantien nachhelfen will, ist bislang offen.
Chevron – der stille Profiteur
Sollten Investitionen in Venezuela doch attraktiver werden, wäre Chevron am besten positioniert. Der US-Ölriese hat als einziger westlicher Konzern über Jahrzehnte eine relevante Präsenz im Land aufrechterhalten und produziert laut Rystad derzeit etwa 150.000 Barrel pro Tag – gestützt durch eine befristete US-Sanktionserlaubnis. Chevron äußerte sich nicht zu möglichen Ausbauplänen nach dem politischen Machtwechsel in Caracas.
Exxon und Conoco: Gebrannte Kinder
Andere große US-Konzerne wie ExxonMobil und ConocoPhillips könnten technisch und finanziell ebenfalls zur Erneuerung beitragen – doch sie haben in Venezuela schlechte Erfahrungen gemacht. Um 2006 wurden ihre Vermögenswerte durch den damaligen Präsidenten Hugo Chávez verstaatlicht. Während Chevron blieb und mit Caracas kooperierte, zogen sich Exxon und Conoco zurück – und kämpfen bis heute um Entschädigungen in Milliardenhöhe.
Conoco versucht laut Reuters, rund 12 Milliarden Dollar zurückzubekommen, Exxon etwa 2 Milliarden. „Venezuela ist weltweit das Land mit den meisten Enteignungsklagen. Das schafft ein extrem hohes Ausgangsrisiko“, sagt Palacios, heute Energieexpertin an der Columbia University.
Blick nach Guyana
Während Venezuela ums Comeback ringt, hat das benachbarte Guyana in wenigen Jahren den Spieß umgedreht: Von praktisch null Ölproduktion hat es Venezuela bereits überholt – dank großer Funde, insbesondere durch Exxon.
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