In der Mitte des 20. Jahrhunderts waren einige der größten weiblichen Bühnenstars in Bengalen – Männer. Der berühmteste unter ihnen war Chapal Bhaduri, auf der Bühne bekannt als Chapal Rani. Er galt als die „Königin“ des Jatra, jener reisenden Theaterform aus Ostindien, die einst Massen anzog und in ihrer Popularität zeitweise sogar mit dem Kino konkurrierte.
Jatra war über Jahrzehnte eine feste Größe in Bengalen: ein offenes, oft ländliches Volkstheater voller Musik, Mythologie, religiöser Motive und großer Gefühle. Gespielt wurde auf von allen Seiten einsehbaren Bühnen, mit überhöhter Gestik, lauter Sprache und opulenten Kostümen. Lange Zeit wurden viele Frauenrollen dabei von Männern übernommen – den sogenannten purush ranis, den „männlichen Königinnen“.
In diese Tradition hinein wurde Chapal Bhaduri 1939 in Kalkutta geboren. Seine Mutter, Prabha Devi, war selbst Schauspielerin. Bhaduri wuchs im Umfeld des Theaters auf und begann bereits als Jugendlicher zu spielen. Später sagte er über sich: „Ich hatte mädchenhafte Manieren, eine mädchenhafte Stimme.“ Auf der Bühne wurde daraus eine Kunstform.
Er verkörperte Königinnen, Kurtisanen, Göttinnen und Bordellbetreiberinnen mit einer Präzision und Ernsthaftigkeit, die ihn von vielen Zeitgenossen unterschied. Seine Auftritte waren keine Karikaturen, keine komischen Nummern, sondern fein gearbeitete Rollenbilder. Bhaduri nahm die Illusion ernst: Er modellierte Silhouetten mit Stoffresten oder Schwämmen, entwickelte eigene Schönheitsrituale und verfeinerte über Jahre jene Darstellung von Weiblichkeit, die zu seinem Markenzeichen wurde. „Weiblichkeit war immer ein Teil von mir“, sagte er später.
In dem neuen Buch „Chapal Rani: The Last Queen of Bengal“ zeichnet der Autor Sandip Roy Bhaduris Weg nach – von der gefeierten Bühnenikone bis zur beinahe vollständigen Vergessenheit. Es ist zugleich das Porträt einer verschwindenden Theaterwelt, in der Geschlecht weniger Identitätskategorie als performativer Raum war.
Denn als Bhaduri in den 1950er-Jahren seine Karriere begann, war die Tradition bereits im Wandel. Immer mehr Frauen standen selbst auf der Bühne. Das Publikum, das männliche Darsteller in Frauenrollen einst gefeiert hatte, begann umzudenken. In den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren wurden die „bärtigen Königinnen des Jatra“, wie Roy schreibt, zunehmend verdrängt.
Auch Bhaduri traf dieser Wandel hart. Bei einem Auftritt in einer älteren Frauenrolle wurde er ausgebuht, ein Tonbecher flog auf die Bühne. Was einst als Kunstform galt, wirkte plötzlich aus der Zeit gefallen.
Viele seiner Kollegen verschwanden in Armut. Ehemalige Stars nähten Kleidung, verkauften Tee oder Erdnüsse, schlugen sich mit Gelegenheitsjobs durch. Manche endeten in völliger Bedeutungslosigkeit, manche starben. Ihre Geschichten wurden kaum dokumentiert.
Bhaduri überlebte mit einfachen Arbeiten – etwa als Reinigungskraft in Bibliotheken. Zeitweise trat er auf der Straße als Sitala, eine hinduistische Volksgöttin, auf: eine traditionelle Figur, die Segnungen spendet und dafür Essen oder kleine Geldbeträge erhält.
Auch privat blieb Bhaduris Leben ambivalent. In der bürgerlichen Gesellschaft Bengalens sprach er nicht offen über seine sexuelle Identität. Bewunderung und Liebesangebote blieben dennoch nicht aus. Er erhielt Briefe, Verehrer machten ihm Avancen, Beziehungen entstanden. Über Liebe sagte er einmal trotzig: „Ich weigere mich, mich dafür zu entschuldigen.“ Eine seiner längsten Beziehungen dauerte mehr als drei Jahrzehnte – obwohl sein Partner parallel eine Familie gründete.
In jüngerer Zeit erlebte Bhaduri eine späte Wiederentdeckung. Der Regisseur Kaushik Ganguly besetzte ihn in Filmen, der Verleger und Theatermacher Naveen Kishore dokumentierte sein Leben bereits Ende der 1990er-Jahre in Film und Ausstellung. Eine jüngere Generation begann, in ihm eine queere Figur der indischen Kulturgeschichte zu sehen – einen Menschen, der sich nie eindeutig festlegen ließ und gerade dadurch wirkte.
Doch auch hier blieb Bhaduri eigensinnig. Begriffe wie „drittes Geschlecht“ oder moderne Identitätszuschreibungen nahm er nicht selbstverständlich an. Abseits der Bühne trug er Kurta und Pyjama wie viele andere bengalische Männer auch. Sein Leben entzieht sich einfachen Kategorien.
Heute lebt Chapal Bhaduri, inzwischen 87 Jahre alt, in einer Senioreneinrichtung, nur wenige Straßen entfernt von dem Haus seiner Familie, in dem er nicht mehr willkommen ist. Geblieben sind gesundheitliche Beschwerden – und Erinnerungen an eine Zeit, in der er für Tausende Zuschauer eine Königin war.
Seine Geschichte erzählt nicht nur vom Aufstieg und Fall eines Bühnenstars. Sie wirft auch eine größere Frage auf: Warum bleiben manche Künstler im kulturellen Gedächtnis, während andere verschwinden – obwohl sie eine ganze Epoche geprägt haben?
Chapal Bhaduri stand mehr als sechs Jahrzehnte auf der Bühne. Er war, gemessen an seiner Zeit, ein Star. Und doch lebte er lange am Rand jener Kultur, die er selbst mitgestaltet hatte.
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