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Die Französische Riviera, aber ohne Riviera: Inselurlaub für Menschen, die keine Autos mehr sehen können

invitro (CC0), Pixabay
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Nur 15 Minuten mit der Fähre – und zack: Porquerolles. Ein Ort, an dem das lauteste Verkehrsmittel ein Fahrrad ist und die Cicaden so enthusiastisch schreien, als hätten sie gerade ihren ersten Festival-Slot bekommen.

Während auf dem Festland zwischen Cannes und Saint-Tropez die Motoren röhren und die Selfiesticks in Formation marschieren, bieten die Hyères-Inseln eine Alternative: weniger Glitzer, mehr Pinien, und das aufregendste Fahrgeräusch ist ein Reifen, der über Kies knirscht.

Drei Inseln, drei Lebensentwürfe

Die Hyères-Inseln – auch „Goldene Inseln“ genannt (weil selbst Steine hier aussehen, als hätten sie einen Sonnenfilter drauf) – sind Teil eines Nationalparks. Das heißt:

  • kein Camping,

  • kein Lärm,

  • kaum Rauchen,

  • und vermutlich wird auch schlechte Laune nur in begrenzten Mengen zugelassen.

Jede Insel hat dabei ihre eigene Persönlichkeit:

Porquerolles: Fahrrad-Paradies mit Stränden, die so durchsichtiges Wasser haben, dass man sich fragt, ob das Meer hier heimlich Glasreiniger benutzt.
Port-Cros: Für Leute, die „Zivilisation“ gern in homöopathischen Dosen nehmen – ein Mini-Dorf, sonst nur Natur und Wanderwege.
Levant: Ein Nudisten-Ort, in dem die wichtigste Regel lautet: Freiheit ja – aber bitte mit Sitzunterlage im Restaurant.

Porquerolles: Wo Radfahren Religion ist

Auf Porquerolles wurden Autos 1985 verbannt. Vermutlich nach einer hitzigen Debatte, in der eine Cicade das entscheidende Argument geliefert hat.

Du leihst dir ein Mountainbike und rollst durch 51 km Wege, vorbei an Pinien, Eichen und diesem typischen Südfrankreich-Duft, der nach Thymian und „Ich kündige morgen meinen Job“ riecht.

Am Plage Notre Dame liegen Leute im Sand, schnorcheln, schauen aufs Wasser – und keiner muss dabei hupen.

Im Dorf sagt eine Ladenbesitzerin sinngemäß: „Kein Verkehr, keine Autos, langsames Leben.“
Übersetzung: Endlich Urlaub ohne Stopp-and-Go und ohne das Geräusch, wenn jemand in Saint-Tropez zum dritten Mal dieselbe Vespa startet.

Natürlich hat auch Porquerolles eine Schattenseite: Social Media. Früher gab’s „kleine Ecken, nur für uns“. Heute gibt’s „kleine Ecken, nur für uns und 12.000 Menschen mit Drohne“. Deshalb wurden Besucherobergrenzen eingeführt – damit das Paradies nicht zur Strandversion eines IKEA-Samstags wird.

Port-Cros: Natur, aber bitte ohne Fahrrad

Wenn Porquerolles dir zu lebhaft ist, kommt Port-Cros: eine Insel, auf der man gefühlt nach fünf Minuten jeden Einwohner per Handschlag kennt – und danach nur noch Bäume.

Hier gibt’s 30 km Wanderwege, fette Aussichten und sogar einen Unterwasser-Pfad: Schnorcheln mit Infotafeln. Bildung, aber nass. Man lernt etwas über Algen, Fische und Neptungraswiesen und fühlt sich dabei wie ein Aquarien-Tourist mit sportlicherem Selbstbild.

Und dann der Moment, in dem du denkst:
„Ich stehe mitten im Sommer an einem leeren Côte-d’Azur-Strand.“
Kurz schaust du dich um, ob das legal ist.

Levant: Freiheit, Sonne – und Pflichtnudismus am Strand

Levant ist der Ort, wo 90% Insel Militärgebiet sind und der Rest ein Nudisten-Dorf namens Heliopolis, gegründet 1931 – als Leute noch an Utopien glaubten und Handys höchstens in Science-Fiction vorkamen.

Hier gilt:

  • Kleidung optional (fast überall),

  • am Sandstrand Pflichtnudismus,

  • kein öffentliches Stromnetz,

  • Wasser knapp,

  • leise sein, nicht rauchen,

  • und bitte im Restaurant etwas unterlegen, wenn man… nun ja… direkt in Kontakt mit dem Mobiliar treten würde.

Die Stimmung: „Leben und leben lassen – aber innerhalb der Regeln.“
Die Leute sagen freundlich Bonjour, egal ob nackt oder angezogen. Und erstaunlich: Niemand klebt am Handy. Weil man hier offenbar versteht, dass Freiheit nicht nur „weniger Stoff“, sondern auch „weniger Bildschirm“ bedeuten kann.

Auf dem Hauptplatz treffen sich alle – Kleinkinder, Rentner, Hunde ohne Leine, Menschen mit Sarong, Menschen ohne alles. Und irgendwo steht ein Brotkorb draußen, verkauft nach Ehrenkodex. In Levant vertraut man einander – und das Brot.

Am Strand kommt dann der große Moment: Du ringst kurz mit dir, denkst „ich kann das“, und springst ins Wasser. Und plötzlich ist es egal. Du schnorchelst zwischen bunten Fischen – und merkst: Es ist wirklich entspannend, wenn niemand versucht, dir einen Cocktail für 19 Euro zu verkaufen.

Fazit: Das Riviera-Gefühl, nur ohne den Stress

Die Hyères-Inseln sind die Riviera, wie sie in Tagträumen vorkommt: romantisch, einfach, naturbelassen – und so leise, dass man sogar die eigenen Gedanken hört (was nicht immer angenehm ist, aber immerhin ehrlich).

Oder wie es auf Levant sinngemäß heißt:
„Wenn du hier bist, lebst du wie hier.“
Und genau das ist vielleicht das Beste daran.

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