Im Frühjahr 2019 blickte Prinz Andrew in der chinesischen Hightech-Metropole Shenzhen auf eine Gala-Veranstaltung seines Start-up-Wettbewerbs Pitch@Palace China. Tänzerinnen traten auf, Investoren applaudierten – es sollte einer der letzten öffentlichen Auftritte des Royals in dieser Rolle sein. Wenige Monate später zog er sich nach einem folgenschweren Interview über seine Verbindungen zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein aus dem öffentlichen Leben zurück.
Doch neben Andrew und Epstein gab es offenbar eine dritte, bislang wenig bekannte Schlüsselfigur: den deutschen Geschäftsmann David Stern.
Neu veröffentlichte Millionen Seiten umfassende Akten des US-Justizministeriums zu Epstein werfen ein Schlaglicht auf Sterns Rolle. Sein Name taucht darin mehr als 7.000 Mal auf – in Dokumenten aus den Jahren 2008 bis 2018. Die Unterlagen legen nahe, dass Stern als eine Art Mittelsmann zwischen Epstein, Andrew Mountbatten-Windsor und Sarah Ferguson fungierte – insbesondere bei Geschäften mit Bezug zu China.
Der diskrete Netzwerker
„Ich bleibe im Hintergrund und mache nur die Arrangements“, soll Stern 2011 in einer E-Mail an Epstein geschrieben haben. Diese Selbstbeschreibung scheint sein Arbeitsstil gewesen zu sein.
Stern, Jahrgang 1978, lebte lange in London. Laut einem Lebenslauf, der sich in den Akten findet, studierte er Jura und Chinesisches Recht an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London. Später gründete er in Peking ein IT-Gesundheitsunternehmen namens Asia Gateway. 2010 verkaufte er nach eigenen Angaben eine Mehrheitsbeteiligung an den britischen Medienkonzern Informa. Das Unternehmen bestätigte den Erwerb, erklärte jedoch, dass kein Produkt daraus entstanden sei und die Vereinbarung 2014 endete.
In seinen E-Mails an Epstein bezeichnete Stern den deutlich älteren US-Milliardär teils als „Mentor“ oder sogar als „General“. Der Tonfall zeigt ein deutliches Machtgefälle: Epstein als einflussreicher Strippenzieher, Stern als ehrgeiziger Geschäftsmann auf der Suche nach Anerkennung und Zugang.
Viele Nachrichten drehen sich um Investitionsideen – insbesondere in China. Zugleich enthalten sie laut den Akten auch zahlreiche anzügliche und frauenverachtende Bemerkungen.
Kontakt zu Andrew und Ferguson
Den Dokumenten zufolge lernte Stern das britische Königshaus offenbar über Epstein kennen. In einer E-Mail aus dem Jahr 2010, die von einer Person namens „Sarah“ unterzeichnet ist und sich auf das Royal Lodge – Andrews Wohnsitz in Windsor – bezieht, heißt es, Stern sei von Epstein vorgestellt worden und habe ihr bei finanziellen Fragen geholfen.
Zu dieser Zeit befand sich Sarah Ferguson laut den Unterlagen in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten. Sie soll Schulden in Höhe von rund sechs Millionen Pfund gehabt haben. Stern habe versucht, einen Überblick über ihre Verbindlichkeiten zu erstellen und mit Epstein Lösungen zu besprechen.
In internen Nachrichten äußerten sich Stern und Epstein demnach abfällig über Ferguson. Öffentlich jedoch vertiefte sich Sterns Beziehung zu Andrew. Er wurde 2016 Direktor von Pitch@Palace und saß bei einer Veranstaltung sogar neben Königin Elizabeth II.
Obwohl Andrew sich nach Epsteins Verurteilung 2008 offiziell von ihm distanzierte, legen die E-Mails nahe, dass Stern weiterhin als Verbindungsmann fungierte – etwa indem er Dokumente weiterleitete oder Treffen arrangierte.
China als gemeinsames Interesse
Ein zentrales Element der Beziehung zwischen Stern, Epstein und Andrew war offenbar China. In den Jahren nach der Finanzkrise 2008 galt die Volksrepublik als wirtschaftliches Zukunftsland.
Stern behauptete, über weitreichende Kontakte in höchste chinesische Wirtschaftskreise zu verfügen, darunter zu Führungspersönlichkeiten großer Konzerne und Familien ehemaliger Spitzenpolitiker. Ob diese Verbindungen tatsächlich bestanden, ist unklar. Das bloße Auftauchen von Namen in den Akten stellt keinen Beweis für Fehlverhalten dar.
Epstein selbst hatte offenbar Schwierigkeiten, ein Visum für China zu erhalten. In einer E-Mail soll Stern vorgeschlagen haben, einen neuen Antrag in einem anderen Land zu stellen und frühere Ablehnungen oder Vorstrafen nicht zu erwähnen.
Stern begleitete Andrew laut Korrespondenz auch auf offiziellen Reisen nach China. 2011 soll er zahlreiche Treffen organisiert haben. Offizielle Einträge bestätigen, dass Andrew damals in seiner Funktion als britischer Handelsgesandter in China war.
Geschäftsideen und gescheiterte Projekte
In den folgenden Jahren blieb Stern geschäftlich aktiv. Er war unter anderem in Gespräche über eine mögliche Übernahme des britischen Bauunternehmens Cala Homes durch den chinesischen Immobilienkonzern Evergrande involviert – ein Deal, der nicht zustande kam. Evergrande kollabierte später spektakulär.
Auch Investitionen in ein Elektroauto-Start-up sowie ambitionierte, letztlich unrealistische Pläne rund um die Deutsche Bank finden sich in den E-Mails.
Noch 2018 traf Stern Epstein offenbar persönlich in New York. Der Ton ihrer Korrespondenz blieb bis zuletzt unverändert: Geschäftsideen, China-Bezüge, kryptische Anspielungen – und immer wieder die Frage Sterns: „Wann kann ich dich anrufen?“
Offene Fragen
Stern reagierte bislang nicht auf Anfragen. 2023 änderte er seinen bei Companies House registrierten Wohnsitz von China in die Vereinigten Arabischen Emirate. Sein aktueller Aufenthaltsort ist unklar.
Andrew Mountbatten-Windsor hat wiederholt jegliches Fehlverhalten im Zusammenhang mit Epstein bestritten. Auch Sarah Ferguson äußerte sich nicht zu den jüngsten Enthüllungen.
Die neu veröffentlichten Akten zeichnen das Bild eines diskreten, ehrgeizigen Geschäftsmanns, der im Schatten zweier prominenter Figuren agierte – und dabei offenbar eine Schlüsselrolle in einem Netzwerk spielte, das Wirtschaft, Adel und einen verurteilten Sexualstraftäter miteinander verband.
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