Startseite Allgemeines „Das alte System ist tot – jetzt handeln wir“: Kanadas Premier Mark Carney stellt in Davos Kanadas neuen Weg vor
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„Das alte System ist tot – jetzt handeln wir“: Kanadas Premier Mark Carney stellt in Davos Kanadas neuen Weg vor

jorono (CC0), Pixabay
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Mit ungewöhnlicher Klarheit und einer Mischung aus Pragmatismus, Prinzipientreue und einem Schuss philosophischer Ehrlichkeit hat Kanadas Premierminister Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos einen wegweisenden Auftritt hingelegt. In seiner Rede erklärte er das Ende der regelbasierten Weltordnung – und den Beginn einer neuen Ära, in der sogenannte „mittlere Mächte“ wie Kanada das Vakuum füllen könnten, das Großmächte durch ihre Interessenpolitik hinterlassen.

Carney, ehemaliger Zentralbankchef und nun Regierungschef einer der stabilsten Demokratien der Welt, zeichnete das Bild einer Welt in der Großmächte ihre Macht unverblümt einsetzen, Regeln biegen oder brechen – und andere Nationen entweder unter Druck setzen oder zur Anpassung zwingen.

„Das Fensterplakat der Lüge“

Schon zu Beginn seiner Rede zitierte Carney den tschechischen Dissidenten Václav Havel und dessen berühmten Aufsatz „Die Macht der Machtlosen“. Darin beschreibt Havel einen Gemüsehändler, der ein ideologisches Plakat ins Schaufenster hängt – nicht aus Überzeugung, sondern um Ärger zu vermeiden. Für Carney ein Sinnbild für Länder, die sich „den Regeln fügen, von denen alle wissen, dass sie nicht mehr gelten“.

„Wir haben jahrzehntelang das Schild der regelbasierten Ordnung in unser Schaufenster gehängt – und dabei oft gewusst, dass die Realität eine andere war“, so Carney. Doch dieses Arrangement funktioniere nicht mehr. „Wir sind nicht in einer Übergangsphase – wir erleben eine Zerreißprobe.“

Kanadas Antwort: Strategische Autonomie mit Prinzipien

Anstatt sich in alte Abhängigkeiten zu retten, setzt Kanada nun auf einen neuen Kurs:

  • Stärkung der heimischen Wirtschaft: Steuererleichterungen, Abbau interner Handelsbarrieren und über eine Billion Dollar an Investitionen in Energie, KI, kritische Rohstoffe und Infrastruktur sollen Kanada widerstandsfähiger machen.
  • Erhöhung der Verteidigungsausgaben: Bis 2030 will Carney die Militärausgaben verdoppeln, unter anderem durch eigene Radarsysteme, U-Boote und eine stärkere militärische Präsenz in der Arktis.
  • Globale Diversifizierung: Kanada unterzeichnete in den letzten sechs Monaten 12 neue Handels- und Sicherheitsabkommen auf vier Kontinenten, darunter auch mit der EU, China, Katar sowie geplante Abkommen mit Indien, ASEAN und Mercosur.
  • „Variable Geometrie“: Statt naivem Multilateralismus setzt Carney auf flexible Allianzen, je nach Thema und gemeinsamen Werten – etwa in Fragen wie KI, kritische Rohstoffe oder Sicherheitspolitik.

Ein Appell an die „mittleren Mächte“

Carney rief Länder wie Kanada, Australien, Japan oder die skandinavischen Staaten auf, nicht mehr passiv zwischen den Großmächten zu lavieren, sondern aktiv einen dritten Weg zu gestalten. „Wenn wir nicht am Tisch sitzen, landen wir auf der Speisekarte“, sagte er.

Mittelmächte müssten kooperieren, ihre Märkte, Werte und Ressourcen gemeinsam nutzen und sich nicht mehr gegenseitig unterbieten, um die Gunst der Hegemonen zu gewinnen.

Klartext zu Weltordnung und Doppelmoral

Ein besonders markanter Teil seiner Rede war Carneys Kritik an der verlorenen Glaubwürdigkeit internationaler Institutionen wie WTO, UNO oder COP. Er machte klar: „Die Fiktion der Regeln ist geplatzt. Integration wird zur Waffe. Lieferketten, Handel und Finanzen werden als Druckmittel eingesetzt.“

Er rief dazu auf, nicht länger mit zweierlei Maß zu messen – wer sich über wirtschaftliche Einschüchterung durch China empöre, dürfe bei ähnlichen Taktiken anderer nicht schweigen. Es gehe darum, endlich „die Wahrheit zu leben“ und nicht weiter Rituale aufrechtzuerhalten, an die niemand mehr glaube.

Kanada als Vorreiter einer neuen Realität

Carney präsentierte Kanada als offen, pluralistisch, verlässlich – aber auch entschlossen und realistisch. Er erklärte: „Nostalgie ist keine Strategie. Aber aus dem Bruch können wir etwas Neues, Stärkeres und Gerechteres aufbauen.“

Und er bot die kanadische Vision zur Nachahmung an – für alle Länder, die bereit seien, sich ehrlich der neuen geopolitischen Realität zu stellen.

Fazit:
Mark Carneys Rede war keine leere Phrase über Werte, sondern eine politisch präzise Abrechnung mit der alten Weltordnung – und ein mutiges Angebot für eine neue. Ein Masterplan für eine Zeit, in der zwischen blinder Gefolgschaft und krampfhafter Autarkie noch ein dritter Weg möglich ist: die strategisch koordinierte Selbstbestimmung.

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