Die Tragödie in der Neujahrsnacht von Crans-Montana, bei der 40 Menschen in einem brennenden Club ums Leben kamen – darunter sechs italienische Staatsbürger –, hat nicht nur tiefe Trauer hinterlassen, sondern auch eine zunehmend lauter werdende Forderung nach Gerechtigkeit. Doch genau diese Gerechtigkeit droht nun, auf dem Altar der Bürokratie geopfert zu werden.
Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat wiederholt eine gemeinsame Ermittlungsgruppe aus italienischen und Schweizer Experten gefordert. Bereits kurz nach dem Inferno im „Le Constellation“ bot Rom eine solche Zusammenarbeit an – doch die Schweiz lehnte ab. Nun, da der Clubbesitzer gegen Auflagen wieder auf freiem Fuß ist, erneuert Meloni ihren Appell. Und das mit gutem Grund.
Denn der Eindruck, dass der Fall in der Schweiz verschleppt wird, ist kaum noch von der Hand zu weisen. Trotz der enormen Tragweite des Unglücks wurden bislang keine Obduktionen oder forensischen Untersuchungen angeordnet – ein Umstand, der international auf völliges Unverständnis stößt. Für viele Hinterbliebene fühlt sich das an wie ein zweites Trauma: Erst verlieren sie ihre Angehörigen – dann erleben sie, wie mögliche Beweise ungenutzt bleiben, Täter vielleicht ungestraft davonkommen.
Dass der Besitzer des Lokals – ein möglicher Hauptverantwortlicher – bereits wieder auf freiem Fuß ist, verstärkt dieses Gefühl der Ohnmacht. Auch wenn seine Freilassung mit Auflagen verbunden ist, erscheint sie in den Augen vieler als ein Affront gegen die Opfer. Die italienische Regierung spricht offen von einer „Beleidigung“ – und unterstreicht ihren Protest, indem sie ihren Botschafter zurück nach Rom beordert.
Diese Eskalation ist kein diplomischer Reflex – sie ist ein dringender Warnruf: Wenn bei einer Katastrophe diesen Ausmaßes nicht konsequent, transparent und international zusammengearbeitet wird, verliert nicht nur das Vertrauen in die Justiz Schaden – sondern das Ansehen der Schweiz als Rechtsstaat.
Die Forderung nach einem gemeinsamen Ermittlerteam ist daher kein politisches Spiel, sondern ein Akt der Verantwortung gegenüber den Opfern. Sie ist ein Signal an Europa, dass internationale Zusammenarbeit dort beginnen muss, wo menschliches Leid keine Grenzen kennt. Und sie ist ein Appell, dass Gerechtigkeit nicht auf nationalem Stolz, sondern auf der Wahrheit basieren sollte – so unbequem sie auch sein mag.
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