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China startet Kampagne gegen Pessimismus im Netz

geralt (CC0), Pixabay
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Die chinesische Regierung geht verstärkt gegen negative Stimmung im Internet vor. Die Cyberspace-Verwaltung Chinas (CAC) hat in dieser Woche eine zweimonatige Kampagne angekündigt, die sich gegen Beiträge richtet, die nach Ansicht der Behörden „übermäßig negative oder pessimistische Emotionen“ verbreiten. Ziel sei es, ein „zivilisierteres und rationaleres Online-Umfeld“ zu schaffen.

In den Fokus rücken insbesondere Aussagen wie „Lernen ist sinnlos“ oder „Harte Arbeit bringt nichts“, aber auch Erzählungen über Erschöpfung und Lebensmüdigkeit. Solche Inhalte sollen künftig zensiert oder gelöscht werden.

Jugendliche ohne Hoffnung auf Aufstieg

Der Vorstoß der Behörden erfolgt vor dem Hintergrund wachsender gesellschaftlicher Unzufriedenheit, vor allem unter jungen Chinesinnen und Chinesen. Gründe sind die anhaltende Wirtschaftsflaute, hohe Jugendarbeitslosigkeit und ein zunehmend erbarmungsloser Wettbewerb um Studien- und Arbeitsplätze.

„Viele junge Menschen in China fragen sich ernsthaft, wie ihre Zukunft aussehen soll“, sagt Dr. Simon Sihang Luo, Sozialwissenschaftler an der Technischen Universität Nanyang in Singapur. „Sie müssen sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass es ihnen wohl schlechter gehen wird als der Elterngeneration.“

Die Behörden reagieren auf diese Stimmung mit repressiven Maßnahmen – auch gegen einflussreiche Persönlichkeiten in sozialen Netzwerken.

Influencer im Visier

Der bekannte Livestreamer Hu Chenfeng wurde jüngst zur Zielscheibe staatlicher Zensur, nachdem er in einem scherzhaften Kommentar Menschen als „Apple“ oder „Android“ klassifizierte – wobei „Android“ abwertend gemeint war. Kurz darauf wurden alle Inhalte von seinen Plattformen gelöscht, eine Begründung gab es nicht. Kritiker warfen ihm vor, soziale Gräben zu vertiefen.

Auch der populäre Bildungsexperte Zhang Xuefeng, bekannt für seine pragmatischen und oft ernüchternden Ratschläge, wurde bestraft: Seine Konten dürfen keine neuen Follower mehr gewinnen. Zhang hatte unter anderem gesagt, dass junge Menschen keine Träume verfolgen, sondern realistische Entscheidungen treffen sollten – Aussagen, die von vielen als Ausdruck von Resignation wahrgenommen werden.

Staat verlangt „positive Energie“ – auch von Plattformen

Die Kampagne richtet sich nicht nur gegen Einzelpersonen. Auch Plattformen wie Weibo, Xiaohongshu oder Kuaishou wurden wegen „unzureichender Moderation“ von „negativem Content“ gerügt. Inhalte über Klatsch, Trivialitäten oder Promi-Skandale seien ebenso unerwünscht wie gesellschaftskritische Beiträge.

Die CAC betont: „Ein klares und gesundes Internet ist im Interesse des Volkes.“

Doch Beobachter warnen: Die Zensur von Pessimismus könne das Grundproblem nicht lösen. „Solche Emotionen sind Ausdruck tiefer gesellschaftlicher Unsicherheiten“, erklärt Dr. Luo. „Wenn junge Menschen ihre Frustration nicht einmal mehr äußern dürfen, kann das langfristig die psychische Gesundheit ganzer Generationen gefährden.“

Phänomene wie „Lie Flat“ und „Fulltime Children“ nehmen zu

Immer mehr junge Chinesinnen und Chinesen ziehen sich zurück: Sie kündigen stressige Jobs, ziehen zurück zu ihren Eltern und leben ohne Erwerbstätigkeit – ein Lebensstil, der unter dem Begriff „Tangping“ (Lie Flat) bekannt wurde. Manche bezeichnen sich selbstironisch als „Fulltime Children“ – eine neue gesellschaftliche Realität, die zunehmend im Widerspruch zum offiziellen Narrativ von Fleiß und Fortschritt steht.

„Die Partei kennt das Problem“, sagt Dr. Luo. „Aber ideologische Kampagnen von oben können die Wurzeln gesellschaftlicher Missstände nicht beseitigen. Solange die Wirtschaft schwächelt, der Arbeitsmarkt brutal ist und die Geburtenrate im Keller bleibt, lässt sich Pessimismus nicht einfach verbieten.“

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