Es brauchte nur wenige Stunden, um eine Partnerschaft zu zerstören, die China über Jahrzehnte aufgebaut hatte.
Nur kurz vor seiner spektakulären Festnahme in einer nächtlichen Kommandoaktion der USA lobte Venezuelas Präsident Nicolás Maduro den chinesischen Staatschef Xi Jinping noch als „älteren Bruder mit globaler Führungsstärke“. Bei einem Treffen mit ranghohen chinesischen Diplomaten demonstrierte man öffentlich Einigkeit – inklusive Bildern von gut gelaunten Männern in Anzügen, die hunderte bilaterale Projekte besprachen.
Das nächste Bild zeigte Maduro in Handschellen, in grauer Jogginghose und mit verbundenen Augen an Bord eines US-Kriegsschiffs.
Peking reagiert empört – und vorsichtig
China reagierte empört und verurteilte die US-Operation als Angriff auf einen souveränen Staat. Washington spiele sich als „Weltpolizist“ auf, hieß es, und verletze das Völkerrecht. Doch trotz der scharfen Rhetorik wägt man in Peking nun vor allem strategisch ab.
Denn Trumps Alleingang wirft neue Fragen auf: Was ist Chinas Einfluss in Südamerika noch wert, wenn die USA bereit sind, Fakten mit Gewalt zu schaffen? Und wie reagiert man auf eine zunehmend unberechenbare Supermacht, die offenbar gewillt ist, internationales Recht zu ignorieren?
Öl, Schulden und Einfluss
China war in den letzten zwei Jahrzehnten einer der größten Geldgeber Venezuelas. Über 100 Milliarden US-Dollar flossen seit dem Jahr 2000 in das südamerikanische Land – für Infrastrukturprojekte, Kraftwerke und Eisenbahnen. Im Gegenzug erhielt Peking Öl. 2025 gingen rund 80 % der venezolanischen Ölexporte nach China – was aber nur 4 % von Chinas Gesamtbedarf deckte.
Ökonomisch also verkraftbar. Politisch jedoch riskant. Denn mit dem Sturz Maduros stehen chinesische Unternehmen wie CNPC oder Sinopec unter Druck – ihre Investitionen könnten durch das neue US-freundliche Regime marginalisiert oder gar enteignet werden. Und Venezuela schuldet China noch rund 10 Milliarden US-Dollar.
Chinesische Staatsmedien riefen bereits zur Vorsicht auf. Unternehmen müssten künftig „die Risiken möglicher US-Interventionen in ihre Investitionsentscheidungen einbeziehen“, so ein Politikprofessor der Renmin-Universität in Peking.
Trump zielt auf Peking
Die Botschaft aus Washington war eindeutig. Außenminister Marco Rubio erklärte in einem Interview: „Das ist die westliche Hemisphäre. Hier leben wir. Wir lassen keine Rivalen in unserem Hinterhof agieren.“
Gemeint war: China raus aus Lateinamerika.
Für Peking ist das ein Affront. Vor allem, da in einem US-Bericht durchgesickert ist, dass die neue Übergangsregierung in Caracas unter US-Druck ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu China und Russland abbrechen soll. Außenamtssprecherin Mao Ning bezeichnete das als „klassisches Mobbing“ und „eklatanten Bruch des Völkerrechts“.
Taiwan-Vergleiche? Nicht ganz
In chinesischen sozialen Medien kamen prompt Stimmen auf: Wenn die USA einfach so in Caracas eingreifen, warum nicht auch China in Taiwan?
Doch geopolitisch hinkt der Vergleich. Taiwan gilt für Peking als Teil des eigenen Staatsgebiets – eine „innere Angelegenheit“. Und laut Experten wie David Sacks vom Council on Foreign Relations fehlt China aktuell noch das Vertrauen, dass ein Angriff auf Taiwan militärisch durchsetzbar und wirtschaftlich tragbar wäre.
China setze weiter auf gezielte Einschüchterung, wirtschaftlichen Druck und langfristige Strategie, nicht auf akute Eskalation.
Stabilität in Gefahr
Für China ist das eigentliche Problem: Unordnung.
Peking denkt in Jahrzehnten, plant mit Stabilität. Doch mit Trump im Weißen Haus herrscht Chaos. Und das gefährdet die langsame, aber beständige Expansion der chinesischen Einflusssphäre im Globalen Süden.
Ein Rückschlag in Venezuela könnte auch andere Staaten abschrecken. Analyst Eric Olander warnt: Südamerikanische Länder könnten chinesische Investitionen meiden, um nicht selbst ins Fadenkreuz der USA zu geraten.
Lateinamerika ist für China ein zentraler Lieferant von Nahrung, Energie und Rohstoffen. Das Handelsvolumen überstieg zuletzt eine halbe Billion Dollar. Sollte Washington nun verstärkt Druck auf Länder wie Panama (mit chinesischen Hafenprojekten) ausüben, gerät Chinas ganzer Lateinamerika-Plan ins Wanken.
Trumps Volatilität, Chinas Chance?
China könnte dennoch profitieren – paradoxerweise gerade durch Trumps Unberechenbarkeit.
Peking bietet sich in Lateinamerika als stabiler, berechenbarer Partner an. Viele Länder haben diplomatisch von Taiwan auf China umgeschwenkt – Costa Rica, Panama, Honduras und andere. Peking wirbt mit Investitionen und ohne politische Belehrungen.
Trump hingegen zeigt, wie sprunghaft eine Beziehung zu den USA sein kann – das schreckt ab und öffnet Peking womöglich neue Türen.
Fazit
Trumps Einsatz in Venezuela hat einen geopolitischen Flächenbrand ausgelöst – und Peking steht plötzlich in einem Spiel, dessen Regeln der amerikanische Präsident nach Belieben neu schreibt.
Ob China darauf mit Gegenmaßnahmen reagiert, sich diplomatisch zurückzieht oder langfristig auf Stabilisierung setzt, bleibt offen.
Fest steht: In einer Welt, in der Supermächte wieder militärisch Territorium beanspruchen, wird Vorsicht zur neuen Strategie – auch für China.
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