Es ist Sonntag, irgendwo brutzelt die Bratwurst, der Kaffee steht auf dem Tisch – und Borussia Dortmund liefert pünktlich zur Mittagszeit das, was man in Dortmund inzwischen als Traditionspflege versteht: eine sportliche Führungskrise mit Pressemitteilung.
Der BVB hat sich mit sofortiger Wirkung von Sportdirektor Sebastian Kehl getrennt.
Offiziell natürlich nicht irgendwie chaotisch oder unangenehm, sondern – wie immer – „einvernehmlich“.
Im Fußball bedeutet „einvernehmlich“ ungefähr das Gleiche wie bei einer Scheidung mit Anwälten:
Man wünscht sich nur das Beste, aber bitte räum dein Büro heute noch leer.
Eigentlich erst im Sommer. Deshalb natürlich sofort.
Besonders elegant:
Laut Verein wäre der Sommer eigentlich der ideale Zeitpunkt für Veränderungen gewesen.
Weil man aber alles sauber vorbereiten wolle, endet Kehls Tätigkeit… sofort.
Ein klassischer BVB-Move.
Nach dem Motto:
„Wir wollen nichts überstürzen – deshalb wäre es super, wenn Sie bis 13:45 Uhr Laptop, Schlüsselkarte und die Borussia-Tasse abgeben könnten.“
Das ist ungefähr so logisch wie ein kontrollierter Rückpass direkt in den eigenen Strafraum.
„Sehr offenes Gespräch“ – also vermutlich sehr kurz und sehr eindeutig
Sport-Geschäftsführer Lars Ricken sprach von einem „sehr offenen Gespräch“, in dem man gemeinsam erkannt habe, dass Veränderungen notwendig seien.
Wenn Funktionäre im Fußball von einem sehr offenen Gespräch reden, kann man das übersetzen mit:
- einer hat gesprochen,
- zwei haben ernst genickt,
- und parallel wurde im Hintergrund schon das Passwort fürs WLAN geändert.
So offen, dass wahrscheinlich sogar die Tür offen blieb – aus praktischen Gründen.
24 Jahre BVB – vom Kapitän zur PowerPoint-Folie „Neuausrichtung“
Sebastian Kehl war beim BVB nicht einfach nur Mitarbeiter.
Er war im Grunde vereinseigenes Inventar mit Legendenstatus.
- 24 Jahre beim Klub
- 362 Pflichtspiele als Profi
- seit 2018 in verantwortlicher Funktion
- zuletzt Sportdirektor
Also ein Mann, der den BVB in fast allen Aggregatzuständen erlebt hat:
Meisterträume, Trainerbeben, Transferdebatten, Saisonziele und spontane Grundsatzkrisen nach jedem 1:1 gegen Hoffenheim.
Sein größter Erfolg als Sportdirektor?
Ganz klar: das Champions-League-Finale 2024.
Oder wie man es in Dortmund vermutlich archiviert hat:
„International prestigeträchtig gescheitert, aber sehr würdevoll.“
Abschied mit maximaler Emotionalität und 14 Standardfloskeln pro Minute
Natürlich durfte auch Kehl selbst noch ein paar warme Worte dalassen.
Und es war wirklich alles drin, was ein ordentlicher BVB-Abschied braucht:
- große Verbundenheit
- halbes Leben beim Verein
- Dankbarkeit
- neue Wege
- Ehre
- Stolz
- Südtribüne im Herzen
- bestelltes Feld
- emotionale Restwärme bis in den Signal-Iduna-Himmel
Kurz gesagt:
Wenn eine Abschiedsrede in Dortmund nicht klingt, als würde man gleichzeitig heiraten, auswandern, den Jakobsweg laufen und eine Vereinschronik vertonen – dann ist es keine echte BVB-Verabschiedung.
Besonders schön:
Kehl sagt, „das Feld hier ist bestellt“.
Das dürfte Fans enorm beruhigen.
Denn nichts vermittelt im Saison-Endspurt so viel Sicherheit wie das Bild eines frisch gepflügten Ackers.
Carsten Cramer nennt es „Einschnitt“ – Fans nennen es „Ja gut, irgendwann halt“
BVB-Geschäftsführer Carsten Cramer sprach von einem „Einschnitt“ in der sportlichen Führungsebene.
Das klingt gravierend.
In Dortmund ist es allerdings ungefähr so überraschend wie:
- ein holpriger Saisonstart,
- eine Trainerdiskussion im Herbst,
- eine „Jetzt-erst-recht“-Ansprache im Winter,
- und eine große Strategiedebatte nach einem uninspirierten Unentschieden.
Die Trennung sei außerdem „folgerichtig“ gewesen.
Ein wunderbares Fußballwort.
„Folgerichtig“ bedeutet im Vereinsdeutsch meistens:
„Wir haben so lange gewartet, bis wirklich jeder es schon auf X, in Podcasts und beim Bäcker diskutiert hat.“
Was von Kehl bleibt
Sebastian Kehl hinterlässt beim BVB:
- 24 Jahre Vereinsgeschichte
- jede Menge Identifikation
- sportliche Verdienste
- mindestens drei sehr seriöse schwarze Pullover
- vermutlich einen halben Meter Aktenordner „Kaderplanung“
- und das sichere Gefühl, dass man in Dortmund selbst bei einer Trennung noch so spricht, als komme man nächsten Donnerstag wieder zum Mannschaftsabend vorbei
Fazit: Dortmund bleibt Dortmund
Ob das jetzt wirklich der große Neuanfang wird?
Keine Ahnung.
Aber eines hat Borussia Dortmund mal wieder eindrucksvoll bewiesen:
Kein anderer Klub schafft es so zuverlässig, aus einem halbwegs friedlichen Sonntagmittag ein mittelschweres Fußball-Erdbeben mit PR-Sprech zu basteln.
Und irgendwo in der Ferne murmelt die Südtribüne leise:
„Einvernehmlich… ja nee, is klar.“
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