Rund 860.000 Menschen in Deutschland beziehen derzeit Leistungen aus dem Pflegegrad 1 – jener Stufe, die vor allem geringfügig Pflegebedürftigen Unterstützung im Alltag sichern soll. Nun steht genau diese Hilfe auf der Kippe. Nach Informationen aus Regierungskreisen wird geprüft, ob die erst vor wenigen Jahren eingeführte Leistung aus finanziellen Gründen gestrichen werden könnte. Hintergrund ist die dramatische Unterfinanzierung der Pflegekassen.
Mehrere Fachleute, darunter auch einflussreiche Landesminister, plädieren für eine „ehrliche Bestandsaufnahme“ und sprechen sich dafür aus, Pflegegrad 1 zu überprüfen. Innerhalb der Bundesregierung gibt es jedoch Widerstand, insbesondere aus den Reihen der SPD. Bisher handelt es sich um eine Prüfung, kein Beschluss – doch für viele Betroffene klingt schon die bloße Überlegung wie eine Drohung.
Denn Pflegegrad 1 bedeutet für Hunderttausende Menschen in Deutschland vor allem eines: Hilfe im Haushalt, Unterstützung bei Einkäufen, beim Putzen, beim Treppensteigen oder bei Arztbesuchen. Es geht nicht um Luxus, sondern um das Nötigste.
Eine ältere Frau aus Nürnberg berichtet, sie und ihr Ehemann hätten ihr Leben lang gearbeitet. Er sei schwer krank, sie selbst durch einen Unfall eingeschränkt. Eine Haushaltshilfe komme regelmäßig, um beim Putzen und Treppensteigen zu helfen. „Und jetzt droht selbst diese Hilfe zu verschwinden“, sagt sie.
Eine 95-Jährige aus Erfurt, die in einer betreuten Wohnanlage lebt, erzählt, dass sie ohne die wöchentliche Hilfe beim Putzen kaum noch zurechtkäme. Ihr wird beim Bücken schwindelig, Stürze seien ein ständiges Risiko. „Warum ausgerechnet bei uns alten Menschen gespart werden soll, verstehe ich nicht“, sagt sie.
Auch andere Betroffene schildern ihre Sorgen. Ein 60-jähriger Frührentner aus Ludwigshafen betont, dass ihm nicht nur im Haushalt geholfen werde, sondern er so auch soziale Kontakte habe. Eine 56-jährige Frau aus Rheinland-Pfalz sagt, sie sei nach Unfällen auf einen Rollator angewiesen und könne ohne Unterstützung weder einkaufen noch Arztbesuche wahrnehmen. Eine 87-Jährige aus Thüringen berichtet, ihre Tochter könne ihr nicht mehr helfen, deshalb sei sie auf eine Haushaltshilfe angewiesen.
Immer wieder fällt in den Gesprächen derselbe Satz: „Wir haben doch unser Leben lang gearbeitet.“ Viele fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.
Für manche bedeutet die mögliche Streichung schlicht Existenzangst. Eine 83-Jährige aus Baden-Württemberg erzählt, sie habe Krebs überstanden und einen Oberschenkelhalsbruch erlitten. „Ich habe nur 1200 Euro Rente und kann mir aus eigenen Mitteln keine Hilfe leisten“, sagt sie. Eine andere Betroffene, sehbehindert und seit Jahren auf Pflegegrad 1 angewiesen, zahlt schon heute einen Großteil der Kosten aus ihrem Ersparten zu.
Die Schilderungen zeigen, dass Pflegegrad 1 für viele Menschen kein „Zusatz“ ist, sondern die einzige Möglichkeit, ein Mindestmaß an Selbstständigkeit zu behalten. Eine Streichung würde nicht nur die Betroffenen hart treffen, sondern auch deren Familien, die dann noch stärker einspringen müssten.
Noch handelt es sich lediglich um Überlegungen in Berlin. Doch für Hunderttausende Pflegebedürftige ist allein diese Diskussion ein Schock – und ein Signal, wie prekär die Lage in der deutschen Pflegefinanzierung inzwischen geworden ist.
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