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Brüder im Wald – Der bedrohte Stamm der Mashco Piro kämpft ums Überleben

Terranaut (CC0), Pixabay
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Tief im Herzen des peruanischen Regenwaldes, entlang des Tauhamanu-Flusses, lebt eines der letzten abgeschotteten Völker der Erde: die Mashco Piro. Seit mehr als einem Jahrhundert vermeiden sie jeglichen Kontakt mit der Außenwelt. Doch die Moderne rückt näher – mit Motorsägen, Straßenbau und neugierigen Fremden.

Ein plötzlicher Blickkontakt im Dickicht

Als der Dorfbewohner Tomas Anez Dos Santos in einer kleinen Lichtung arbeitet, hört er plötzlich Schritte.

„Einer stand da – mit gespanntem Bogen, direkt auf mich gerichtet“, erzählt er.
Er ruft „Nomole!“ – das bedeutet „Bruder“ in der Sprache der Mashco Piro – und rennt davon.

Tomas lebt in Nueva Oceania, einem winzigen Fischerdorf mit nur wenigen Familien. Jahrzehntelang wusste er, dass irgendwo hinter dem dichten Grün seine „Nachbarn“ leben – gesehen hatte er sie jedoch fast nie.

Die Mashco Piro leben völlig autark, jagen mit Pfeil und Bogen und bewegen sich als Nomaden durch das unberührte Regenwaldgebiet. Kleidung, Werkzeuge und Nahrung stammen ausschließlich aus ihrer Umgebung.

Ein Volk zwischen Mythos und Bedrohung

Laut einem aktuellen Bericht der Menschenrechtsorganisation Survival International gibt es weltweit noch etwa 196 isolierte indigene Gruppen – die Mashco Piro gelten als die größte davon. Die Organisation warnt: Die Hälfte dieser Völker könnte in den nächsten zehn Jahren ausgelöscht werden.

Die Ursachen:

  • Abholzung für Holzexporte

  • Öl- und Bergbauprojekte

  • Krankheiten, gegen die sie keine Immunität besitzen

  • sowie missionarische Aktivitäten und Social-Media-Abenteurer, die Kontakt suchen, um Klicks zu generieren.

In der Region von Nueva Oceania sind die Folgen sichtbar. „Man hört Tag und Nacht das Dröhnen der Maschinen“, sagt Tomas. „Die Mashco Piro verlieren ihren Wald – und damit ihre Heimat.“

Zwischen Angst und Achtung

Die Dorfbewohner von Nueva Oceania wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Sie fürchten Angriffe, wollen aber helfen.

„Wir wollen sie leben lassen, wie sie leben“, sagt Tomas. „Wir halten Abstand – aus Respekt.“

Doch immer öfter tauchen Mashco Piro in der Nähe der Siedlung auf – getrieben von der Zerstörung ihres Lebensraums. 2022 kam es zu einer tödlichen Auseinandersetzung: Zwei Holzfäller wurden von Pfeilen getroffen, einer starb.

Das Risiko des Kontakts

Die peruanische Regierung verfolgt offiziell eine Politik der Nicht-Einmischung – inspiriert von Brasilien.
Denn die Erfahrung zeigt: Sobald isolierte Gruppen Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen, drohen Epidemien und kultureller Zusammenbruch.
In den 1980er-Jahren starben etwa die Hälfte der Nahua, nachdem sie erstmals Kontakt zu Außenstehenden hatten.

„Schon einfache Krankheiten können ganze Stämme auslöschen“, warnt Issrail Aquisse von der indigenen Organisation Fenamad.


Zwei Welten, ein Dilemma

Während sich Nueva Oceania allein gelassen fühlt, gibt es im Süden, im Gebiet am Manu-Fluss, eine Art friedliche Koexistenz. Dort betreibt die Regierung gemeinsam mit Fenamad die „Nomole“-Kontrollstation, wo Beamte regelmäßig Kontakt zu einer anderen Mashco-Piro-Gruppe haben.

Sie begegnen den Menschen dort vorsichtig, bringen ihnen Bananen, Maniok und Zuckerrohr, sprechen mit ihnen über Tiere und Familien, nie über Technik oder das Leben außerhalb des Waldes.
Ein Agent erzählt:

„Wenn ich sie frage, wie sie Feuer machen, sagen sie nur: ‚Du hast Holz – du weißt es. Warum willst du’s wissen?‘“

Diese Begegnungen zeigen, wie wenig die Mashco Piro von der Außenwelt wissen – und wie wenig die Außenwelt über sie versteht.

Die stille Bitte um Freiheit

Die Mashco Piro gelten als Nachfahren von Indigenen, die im 19. Jahrhundert vor den brutalen „Kautschukbaronen“ tief in den Dschungel flohen. Sie überlebten, indem sie zu Jägern und Sammlern wurden – und indem sie der Zivilisation den Rücken kehrten.

Doch nun dringt der Lärm der modernen Welt bis in ihr letztes Rückzugsgebiet. Eine geplante Straße soll das Schutzgebiet bald mit einer Region verbinden, in der illegaler Goldabbau floriert.

„Wir wollen, dass sie frei bleiben – so wie wir“, sagt Tomas leise. „Aber ihr Wald verschwindet. Und mit ihm ihre Zukunft.“

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