Der Chef des weltgrößten Vermögensverwalters sieht im Krieg gegen Iran ein Risiko für die globale Konjunktur. Bleibt der Ölpreis dauerhaft hoch, drohe ein harter Abschwung. Larry Fink spricht über Energie, künstliche Intelligenz – und darüber, warum zu viele junge Menschen studieren.
Wenn Larry Fink von einer Rezession spricht, hören die Märkte genauer hin.
Der Chef von BlackRock, des mit Abstand größten Vermögensverwalters der Welt, warnt vor den wirtschaftlichen Folgen eines anhaltenden Ölpreisschocks. Sollte der Preis für Rohöl auf 150 Dollar pro Barrel steigen, werde das eine globale Rezession auslösen, sagte Fink in einem Interview mit der BBC.
Es ist keine beiläufige Bemerkung. BlackRock verwaltet Vermögen im Umfang von rund 14 Billionen Dollar – mehr als das Bruttoinlandsprodukt vieler großer Volkswirtschaften zusammen. Wenn Fink über Risiken spricht, dann tut er das nicht als Fernsehökonom, sondern als Mann im Zentrum der Finanzmaschine.
Seine Botschaft ist eindeutig: Wenn Iran für die internationalen Märkte dauerhaft ein Unsicherheitsfaktor bleibt und die Energiepreise hoch bleiben, dann werde das „tiefgreifende Auswirkungen“ auf die Weltwirtschaft haben.
Zwei Szenarien – und nur eines klingt beruhigend
Für Fink ist die Lage im Nahen Osten noch nicht entschieden. Er skizziert zwei extreme Möglichkeiten.
Im günstigeren Fall könnte sich der Konflikt entschärfen, Iran wieder stärker in die internationale Ordnung eingebunden werden – und der Ölpreis am Ende sogar unter das Vorkriegsniveau zurückfallen.
Im schlechteren Fall aber drohe das Gegenteil: Jahre mit Ölpreisen über 100 Dollar, womöglich „näher an 150 Dollar“. Dann sei das Ergebnis wahrscheinlich eine „harte und steile Rezession“.
Das ist eine bemerkenswert offene Warnung.
Denn ein Ölpreis auf diesem Niveau wäre nicht einfach nur ein Problem für Autofahrer. Er würde Produktionskosten erhöhen, Lieferketten verteuern, Inflation neu anheizen und Zentralbanken in ein Dilemma treiben: höhere Preise bekämpfen, obwohl die Konjunktur bereits kippt. Für viele Länder wäre das die Rückkehr eines alten Albtraums – Stagnation plus Inflation.
Energie ist keine Klimafrage mehr – sondern Wohlstandspolitik
Finks Intervention ist auch deshalb interessant, weil sie in eine Debatte fällt, die derzeit in vielen westlichen Ländern mit neuer Härte geführt wird: Wie viel Pragmatismus verträgt die Energiewende?
In Großbritannien etwa wird angesichts der Krise bereits wieder lauter gefordert, die eigene Öl- und Gasförderung auszubauen, um weniger abhängig von Importen zu sein. Der Branchenverband Offshore Energies UK warnte jüngst, ohne mehr heimische Förderung drohe dem Land in Zeiten globaler Instabilität eine riskante Importabhängigkeit.
Fink argumentiert ähnlich nüchtern. Staaten sollten alle verfügbaren Energiequellen nutzen, sagt er – nicht aus ideologischer Liebe zu fossilen Brennstoffen, sondern aus ökonomischer Vernunft. Entscheidend sei vor allem eines: billige Energie.
Denn teure Energie, sagt Fink, sei eine „sehr regressive Steuer“. Sie treffe arme Haushalte deutlich härter als wohlhabende.
Das ist einer der zentralen Punkte dieser Krise: Energiepreise sind nicht nur ein Thema für Börsenkurse oder Klimaziele. Sie entscheiden direkt über Kaufkraft, Wettbewerbsfähigkeit und sozialen Frieden.
Paradoxer Effekt: Ein Öl-Schock könnte die Energiewende beschleunigen
So konservativ Finks Warnung vor hohen Energiepreisen klingt, so wenig plädiert er für ein Festhalten an fossilen Brennstoffen allein.
Im Gegenteil: Sollten Ölpreise tatsächlich mehrere Jahre bei 150 Dollar verharren, würden viele Staaten seiner Einschätzung nach mit enormem Tempo in Solar- und Windkraft investieren. Ein solcher Schock würde den Umstieg auf alternative Energiequellen nicht bremsen, sondern beschleunigen.
Das ist das bekannte Paradox der Energiepolitik: Kurzfristig verlangen Krisen nach Versorgungssicherheit. Langfristig machen sie fossile Abhängigkeit politisch noch unattraktiver.
Finks Formel dafür ist denkbar simpel: Nutze, was du hast – aber baue Alternativen aggressiv aus.
„Null Ähnlichkeiten“ mit 2008
An den Finanzmärkten mehren sich derweil Stimmen, die Parallelen zur Vorkrisenzeit 2007/08 sehen. Energiepreise steigen stark, in Teilen des Finanzsystems zeigen sich Risse, einzelne Fonds begrenzen Abhebungen nervöser Anleger. Auch BlackRock selbst gehört zu den Firmen, die Auszahlungen aus bestimmten Private-Credit-Fonds eingeschränkt haben.
Für manche ist das ein Warnsignal.
Fink weist solche Vergleiche jedoch scharf zurück.
„Ich sehe überhaupt keine Ähnlichkeiten. Null“, sagt er.
Die Finanzinstitute seien heute deutlich robuster als vor der globalen Finanzkrise. Probleme in einzelnen Fonds beträfen nur einen kleinen Teil des Marktes, die institutionelle Nachfrage nach Anlagen bleibe stark. Das klingt nach Beschwichtigung – aber auch nach dem Versuch, ein gefährliches Narrativ früh zu stoppen.
Denn an den Märkten gilt: Die Angst vor einer Krise kann selbst Teil der Krise werden.
Kein KI-Hype? Fink sagt: Nein
Auch beim zweiten großen Thema der Finanzwelt – künstliche Intelligenz – widerspricht Fink dem verbreiteten Alarmismus.
Trotz Milliardeninvestitionen in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur sieht er keine KI-Blase.
„Ich glaube überhaupt nicht, dass wir eine Blase haben“, sagt er. Natürlich könne es einzelne Fehlschläge geben. Aber das sei normal.
BlackRock selbst ist tief im Thema investiert. Im vergangenen Jahr war der Konzern Teil eines Konsortiums, das den Rechenzentrumsbetreiber Aligned Data Centres in einem Deal über 40 Milliarden Dollar übernahm. Für Fink ist das kein Spekulationsgeschäft, sondern geopolitische Notwendigkeit.
Sein Argument: Wer bei KI nicht aggressiv investiert, verliert den Wettlauf gegen China.
„Ich glaube, es gibt ein Rennen um technologische Dominanz“, sagt Fink. Wenn der Westen nicht mehr investiere, gewinne Peking.
Das eigentliche Problem der KI heißt Strom
Bemerkenswert ist, was Fink als größtes Hindernis für den KI-Boom in den USA und Europa beschreibt: nicht Regulierung, nicht Talentmangel, nicht Kapital – sondern Energiepreise.
Rechenzentren verschlingen enorme Mengen Strom. Wer KI skalieren will, braucht massenhaft günstige und verlässliche Energie. Genau daran mangele es im Westen zunehmend.
China investiere massiv in Solarenergie und Kernkraft, sagt Fink. In Europa sehe er dagegen „viel Gerede und wenig Handeln“. Und auch die USA müssten sich stärker auf billige Solarenergie konzentrieren, wenn sie im KI-Wettlauf mithalten wollten.
Es ist ein Satz, der fast nebenbei einen größeren Zusammenhang offenlegt: Der Kampf um künstliche Intelligenz wird nicht nur in Chipfabriken oder Softwarelaboren entschieden, sondern auf Strommärkten.
Wer billige Elektrizität hat, hat einen strategischen Vorteil.
Zu viele Akademiker, zu wenig Handwerker
Am meisten Aufsehen dürfte allerdings ein anderer Teil des Interviews auslösen – Finks Kritik am westlichen Bildungsideal.
Schon in seinem jüngsten Aktionärsbrief hatte er davor gewarnt, dass der KI-Boom die Ungleichheit verschärfen könnte, weil nur wenige Unternehmen und Investoren die großen Gewinne abschöpfen. Im BBC-Interview betont er nun zugleich, KI werde auch massiv neue Jobs schaffen.
Allerdings nicht unbedingt dort, wo viele sie vermuten.
Fink spricht von einem „enormen“ Bedarf an Elektrikern, Schweißern, Klempnern. Der Ausbau von Stromnetzen, Rechenzentren, Infrastruktur und Energietechnik werde handwerkliche Berufe massiv aufwerten.
Weniger gefragt sein könnten dagegen klassische Bürojobs – vor allem in Bereichen, in denen Routinearbeit digitalisiert werden kann. Das könnte, so Fink, eine Neubewertung gesellschaftlicher Karrieren erzwingen.
Sein Befund ist provokant: In den USA habe man jungen Menschen über Jahrzehnte zu oft gesagt, sie müssten unbedingt studieren. „Go to college, go to college, go to college“ – das sei nach dem Zweiten Weltkrieg zur Leitidee geworden. Und vielleicht habe man es „übertrieben“.
Zu viele seien in Banken, Medien oder Kanzleien gelandet, obwohl sie vielleicht besser in Berufen mit praktischer Arbeit aufgehoben gewesen wären.
Es ist ein Satz, der in einer Zeit von Akademisierung, Fachkräftemangel und KI-Angst einen Nerv trifft – und zugleich nach klassischem Elitenpaternalismus klingt.
Die eigentliche Botschaft: Alles hängt an Energie
So breit das Interview auch ausfällt – von Öl über Finanzkrisen bis zu KI und Berufsausbildung –, am Ende läuft alles auf denselben Punkt hinaus:
Energie ist wieder das Zentrum der Weltwirtschaft.
Zu teures Öl kann die Konjunktur abwürgen. Zu wenig billiger Strom kann den KI-Boom bremsen. Fossile Abhängigkeit macht Staaten geopolitisch verwundbar. Und wer die Infrastruktur für neue Technologien bauen will, braucht plötzlich wieder mehr Handwerker als Investmentbanker.
Larry Fink hat das im BBC-Interview nicht als große Theorie formuliert. Aber genau das ist seine Diagnose.
Wenn der Ölpreis auf 150 Dollar steigt, droht der Welt ein Abschwung.
Und wenn der Westen daraus nicht die richtigen Schlüsse zieht, könnte am Ende nicht nur die Rezession kommen – sondern auch der nächste strategische Rückstand.
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