Der Bundesgerichtshof (BGH) verhandelt heute über eine Klage gegen den Pharmahersteller AstraZeneca, die weit über den konkreten Einzelfall hinaus Bedeutung haben könnte. Im Mittelpunkt steht die Frage, unter welchen Voraussetzungen Impfstoffhersteller für mögliche gesundheitliche Schäden haften, insbesondere im Kontext einer pandemischen Ausnahmesituation.
Der konkrete Fall: Gehörverlust nach Corona-Impfung
Die Klägerin verlangt ein Schmerzensgeld von mindestens 150.000 Euro. Sie gibt an, nach einer Corona-Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin auf einem Ohr taub geworden zu sein. Nach ihrer Darstellung bestehe ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Impfung und der dauerhaften Schädigung. Der Hersteller weist dies zurück.
In der Vorinstanz war die Klage abgewiesen worden. Das Gericht stellte darauf ab, dass der Impfstoff in der Hochphase der Pandemie mehr Nutzen als Risiko gehabt habe und ein konkreter Kausalnachweis zwischen Impfung und Schaden nicht hinreichend geführt worden sei.
Zentrale Rechtsfragen vor dem BGH
Mit der Verhandlung vor dem höchsten deutschen Zivilgericht rücken mehrere Grundsatzfragen in den Fokus:
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Welche Beweismaßstäbe gelten für den Nachweis eines Impfschadens?
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Reicht ein zeitlicher Zusammenhang oder ist ein medizinisch-wissenschaftlicher Ursachennachweis erforderlich?
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Wie ist die Nutzen-Risiko-Abwägung eines Impfstoffs rechtlich zu bewerten, wenn er unter hohem Zeitdruck in einer Pandemie eingesetzt wurde?
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Greift die Produkthaftung, wenn bekannte Risiken in der Fachinformation aufgeführt waren?
Der BGH könnte mit seiner Entscheidung Leitlinien setzen, die für zahlreiche ähnliche Verfahren maßgeblich sind.
Seltene Nebenwirkungen – hohe Sensibilität
Schwere Nebenwirkungen nach Corona-Impfungen sind nach wissenschaftlicher Datenlage selten. Das Paul-Ehrlich-Institut verzeichnete etwa 0,3 Verdachtsmeldungen pro 1.000 Impfdosen. Dabei handelt es sich um gemeldete Verdachtsfälle, nicht zwingend um bestätigte Kausalzusammenhänge.
Gleichzeitig zeigen Einzelfälle wie dieser, dass mögliche gesundheitliche Folgen für Betroffene gravierend sein können. Entsprechend sensibel ist die öffentliche Debatte – sie berührt Vertrauen in Impfprogramme, staatliche Verantwortung und die Pflicht zur individuellen Entschädigung.
Bedeutung für künftige Impfkampagnen
Der Ausgang des Verfahrens könnte Auswirkungen auf:
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die Rechtssicherheit für Impfstoffhersteller,
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die Ausgestaltung staatlicher Entschädigungsregelungen,
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und die Bereitschaft zur Entwicklung und Bereitstellung neuer Impfstoffe in Krisenzeiten
haben. Eine strengere Haftung könnte Hersteller vorsichtiger machen, während eine Bestätigung der bisherigen Rechtsprechung den Fokus stärker auf staatliche Ausgleichssysteme lenken würde.
Entscheidung offen
Ob der BGH noch am selben Tag ein Urteil verkündet oder die Entscheidung vertagt, ist unklar. Sicher ist jedoch: Das Verfahren markiert einen juristischen Wendepunkt, an dem individuelle Schicksale, medizinische Erkenntnisse und gesellschaftliche Interessen aufeinandertreffen. Die Entscheidung wird daher weit über den konkreten Fall hinaus aufmerksam verfolgt.
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