Man reibt sich die Augen – und schüttelt unweigerlich den Kopf: SOS‑Kinderdorf will einen bekannten Wiener Missbrauchsfall aus den 2010er‑Jahren neu untersuchen. Wieder geht es um sexualisierte Gewalt, massive Grenzverletzungen und andere Formen von Misshandlung an Kindern, die eigentlich geschützt werden sollten. Dass diese Aufarbeitung erst jetzt erfolgt, wirft unangenehme Fragen auf.
Gleichzeitig meldet die Organisation einen deutlichen Rückgang der Spenden. 14 Prozent weniger Einnahmen, umgerechnet 4,2 Millionen Euro. Das ist kein Wunder, sondern die direkte Folge eines erschütterten Vertrauens. Wer Kindern Sicherheit verspricht, darf sich nicht wundern, wenn Unterstützer abspringen, sobald dieser Anspruch bröckelt.
Seit Herbst wurden 107 neue Meldungen zu möglichen Kindeswohlgefährdungen bekannt. Hundertsieben. Keine Randnotiz, sondern ein Alarmsignal. Weniger als die Hälfte stammt von Betroffenen selbst, der Rest aus deren Umfeld – ein Hinweis darauf, wie groß die Hemmschwelle für Kinder und Jugendliche ist, überhaupt zu sprechen. Jede einzelne Meldung steht für einen potenziellen Systemfehler.
Zwar verweist SOS‑Kinderdorf auf bereits durchgeführte Opferschutzverfahren: 187 Mal wurde das Verfahren durchlaufen, in fast allen Fällen gab es Entschädigungen oder Therapien. Doch Zahlen allein ersetzen keine lückenlose Verantwortungsklärung. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie oft reagiert wurde, sondern wie früh, wie konsequent und warum offenbar trotzdem nicht ausreichend.
Besonders bitter: In Wien wird nun ein Fall neu untersucht, der seit über einem Jahrzehnt bekannt ist. Die damals leitungsverantwortliche Person wurde erst jetzt dienstfrei gestellt – zur Wahrung der Unabhängigkeit, wie es heißt. Dass diese Unabhängigkeit so lange kein Thema war, sagt mehr als jede Presseaussendung. Geprüft werden soll nun, wann genau Hinweise vorlagen und ob sie tatsächlich unverzüglich weitergemeldet wurden. Eine Frage, die man sich ehrlicherweise schon vor Jahren hätte stellen müssen.
Der direkt beschuldigte Mitarbeiter ist seit 2017 nicht mehr beschäftigt, das damalige Betreuungssetting wurde aufgelöst, die Staatsanwaltschaft stellte Ermittlungen ein. Formal korrekt, moralisch unbefriedigend. Denn es geht hier nicht um juristische Mindeststandards, sondern um Kinder, die dem System ausgeliefert waren.
SOS‑Kinderdorf betont, die aktuellen Vorwürfe richteten sich nicht gegen die damalige Leitung. Doch auch das greift zu kurz. Verantwortung endet nicht bei der Täterschaft – sie beginnt bei Aufsicht, Kultur, Meldewegen und der Bereitschaft, unangenehme Wahrheiten auszuhalten.
Ja, Reformschritte wurden gesetzt: Reformkommission, neue Aufsichtsratsstrukturen, Opferschutzkommission, zentrale Falldatenbank. Das ist richtig – aber es ist auch das absolute Minimum. Vertrauen kehrt nicht durch Strukturpapiere zurück, sondern nur durch kompromisslose Transparenz.
Gerade SOS‑Kinderdörfer müssen über jeden Zweifel erhaben sein. Wo Kinder Schutz suchen, darf es keine Grauzonen, kein Zögern, kein Wegsehen geben. Jede Verzögerung, jede halbherzige Aufklärung beschädigt nicht nur eine Organisation – sie beschädigt das Grundversprechen, dass schutzbedürftige Kinder tatsächlich geschützt sind.
Aufklärung ist hier keine Option. Sie ist eine Pflicht. Ohne Rücksicht, ohne Relativierung – und ohne Schonfrist.
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