Die Gefahr war bekannt – doch als sie eintrat, kam sie ohne jede Vorwarnung. Ein thailändisches Frachtschiff geriet im strategisch sensiblen Seegebiet der Straße von Hormus unter Beschuss. Für die Besatzung begann ein Albtraum.
„Ich habe nur einen lauten Knall gehört“, berichtet ein Crewmitglied, das aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte. „Dann noch einen zweiten, nur Sekunden später.“ Kurz darauf heulten die Alarmsirenen, Rauch zog durch die Gänge, das Schiff lag für Momente im Dunkeln.
An Bord der Mayuree Naree, einem rund 180 Meter langen Frachter, herrschte Chaos. Niemand wusste, woher die Angriffe kamen – oder wer schoss. „Wir hatten keine Ahnung, ob irgendwo ein Kriegsschiff war“, sagt der Seemann. „Niemand hat sich nach draußen getraut.“
Auf der Brücke dann die nächste Schockmeldung: Drei Crewmitglieder fehlten. Sie hatten sich im Maschinenraum aufgehalten – dort, wo das Feuer nach dem Einschlag wütete.
Einer von ihnen: ein 35-jähriger Seemann, seit über zehn Jahren zur See. Seine Frau berichtet, er habe große Bedenken gehabt, die Passage durch die Straße von Hormus überhaupt anzutreten. Seit Beginn des Krieges zwischen den USA, Israel und Iran Ende Februar gilt die Route als hochriskant. Teheran hatte angekündigt, Schiffe aus „feindlich gesinnten Staaten“ ins Visier zu nehmen.
Tatsächlich war die Lage bereits vor dem Angriff angespannt. Die Besatzung berichtete von Raketen, die über ihre Köpfe hinwegflogen, und von Drohnen, die offenbar Aufklärungsflüge rund um das Schiff durchführten.
Trotzdem entschied die Reederei, die Fahrt fortzusetzen. Ziel war ein Hafen in Indien. Nach eigenen Angaben hatte das Unternehmen die Sicherheitslage geprüft und Maßnahmen getroffen. Doch einige Seeleute fühlten sich unter Druck gesetzt. „Entweder du bleibst an Bord – oder eben nicht“, beschreibt ein Crewmitglied die Situation.
Die Durchfahrt durch die Meerenge gilt selbst in Friedenszeiten als anspruchsvoll. In diesem Fall wurde sie zur Hochrisikomission.
Am Morgen des Angriffs wurde das Schiff am Heck getroffen. Im Maschinenraum brach ein Feuer aus, das die Energieversorgung lahmlegte. Die Besatzung verließ das Schiff in Rettungsbooten und wurde später von der omanischen Marine geborgen.
Der Iran erklärte, das Schiff habe Warnungen ignoriert und versucht, „illegal“ die Straße von Hormus zu passieren. Auch ein weiteres Schiff wurde an diesem Tag beschossen. Seit Kriegsbeginn wurden laut britischen Behörden mehr als 20 Zwischenfälle in der Region registriert.
20 Besatzungsmitglieder konnten inzwischen nach Thailand zurückkehren. Sie seien unverletzt, heißt es offiziell. Doch das Schicksal der drei Vermissten ist weiterhin ungeklärt.
Das beschädigte Schiff treibt manövrierunfähig im Meer. Ohne Strom funktioniert auch das Ortungssystem nicht mehr.
Für die Angehörigen beginnt derweil eine zermürbende Zeit des Wartens. „Ich denke jeden Tag an ihn“, sagt die Ehefrau eines Vermissten. „Ich frage mich, ob er verletzt ist, ob er etwas zu essen hat.“ Jeden Tag ruft sie bei den Behörden an – und erhält stets dieselbe Antwort: keine neuen Informationen.
Die Hoffnung bleibt. Doch sie wird von Tag zu Tag fragiler.
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