Für Rosia beginnt der Tag oft mit Unsicherheit. Die 40-Jährige aus Peru lebt seit zwei Jahren in Spanien – ohne gültige Aufenthaltspapiere. Statt eines festen Jobs im Tourismus schlägt sie sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. „Ohne Papiere bist du abhängig“, sagt sie. „Manchmal wird man schlechter bezahlt als vereinbart. Und am Ende bleibt man ohne Geld zurück.“
Nun gibt es für Menschen wie sie Hoffnung. Die spanische Regierung plant, Hunderttausenden Migranten einen legalen Aufenthaltsstatus zu gewähren. Mindestens 500.000 Menschen könnten von der Regelung profitieren – möglicherweise sogar deutlich mehr. Schätzungen reichen bis über eine Million.
Die geplante Amnestie sieht vor, dass Antragsteller eine einjährige, verlängerbare Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Voraussetzung ist unter anderem, dass sie sich bereits mehrere Monate im Land aufgehalten haben und nicht vorbestraft sind. Anträge sollen zwischen April und Juni gestellt werden können.
Für Betroffene bedeutet das vor allem eines: Sicherheit. „Es wird uns in jeder Hinsicht helfen“, sagt Diana. „Wir können Steuern zahlen, arbeiten, vielleicht sogar ein eigenes Geschäft aufbauen.“
Die Regierung unter Ministerpräsident Pedro Sánchez begründet den Schritt sowohl humanitär als auch wirtschaftlich. Migration sei ein zentraler Faktor für Spaniens Wachstum, betont Sozialministerin Elma Saiz. Bereits heute haben rund 14 Prozent der Beschäftigten im Land einen ausländischen Hintergrund. Seit 2022 gehe etwa die Hälfte des Wirtschaftswachstums auf ihre Arbeit zurück.
Tatsächlich ist Spaniens Wirtschaft zuletzt gewachsen, während die Arbeitslosigkeit auf den niedrigsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten gefallen ist. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Arbeitskräften – etwa in der Landwirtschaft, der Pflege oder im Tourismus. Ohne Migranten, so warnen Branchenvertreter, könnten viele Bereiche kaum funktionieren.
Auch Arbeitgeberverbände unterstützen den Kurs grundsätzlich. „Ohne ausländische Arbeitskräfte hätten wir ein Problem“, sagt ein Vertreter der Landwirtschaft. Entscheidend sei jedoch, dass die Legalisierung auch zu stabilen Arbeitsverhältnissen führe.
Doch die Initiative ist politisch umstritten. Konservative und rechte Parteien werfen der Regierung vor, mit der Amnestie falsche Anreize zu setzen. Sie warnen vor einem möglichen „Pull-Effekt“, also zusätzlicher Migration durch die Aussicht auf Legalisierung.
Der Vorsitzende der konservativen Volkspartei spricht von einem „Beweis fehlender Migrationspolitik“. Die rechtspopulistische Partei Vox geht noch weiter und warnt vor einer Überlastung von Sozialsystemen und Infrastruktur.
Auch auf europäischer Ebene wird der Schritt kritisch beobachtet. Die EU-Kommission mahnt, dass nationale Entscheidungen Auswirkungen auf andere Mitgliedstaaten haben könnten. Ein Aufenthaltsrecht in einem EU-Land dürfe kein „Freifahrtschein“ sein, hieß es aus Brüssel.
Gleichzeitig ist Spanien mit seinem Kurs eher die Ausnahme in Europa. Während viele Länder ihre Migrationspolitik verschärfen, setzt Madrid auf Integration und Regulierung. Historisch ist das kein Novum: Bereits in der Vergangenheit gab es ähnliche Legalisierungsprogramme – unter verschiedenen Regierungen.
Für Menschen wie Diana steht jedoch weniger die politische Debatte im Vordergrund als die eigene Zukunft. „Das wird unser Leben verändern“, sagt sie. Und meint damit nicht nur sich selbst, sondern Hunderttausende andere, die bislang im Schatten arbeiten – und nun sichtbar werden könnten.
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