Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist politische Realität: Israel bombardiert mitten in Katar mutmaßliche Hamas-Funktionäre – und riskiert damit nicht nur einen internationalen Eklat, sondern gleich die komplette Außenpolitik des Westens im Nahen Osten. Der „lange Arm Israels“, wie Verteidigungsminister Katz martialisch verkündet, scheint neuerdings auch über diplomatische Gepflogenheiten hinwegzugreifen. Die Folgen? Völlig unabsehbar – und möglicherweise verheerend.
Netanjahu zündet außenpolitische Nebelgranaten
Während Benjamin Netanjahu innenpolitisch mit dem Rücken zur Wand steht – Ermittlungen, Skandale, vorgezogene Neuwahlen – greift er außenpolitisch zur kalkulierten Eskalation. Der Angriff in Doha soll Härte demonstrieren, lässt aber vor allem eines erkennen: Verzweiflung. Dass dabei ein zentraler Vermittler im Geisel-Drama rund um Gaza ins Fadenkreuz gerät, scheint Nebensache zu sein. Hauptsache, es wirkt stark nach außen – und überdeckt die politische Schwäche im Inneren.
Souveränität? Völkerrecht? Spielt offenbar keine Rolle mehr
Katar, seit Jahrzehnten ein verlässlicher Mittler im Pulverfass Nahost und strategischer Partner der USA, wurde zum unfreiwilligen Gastgeber eines israelischen Luftschlags. Die Botschaft: Kein Staat ist sicher vor Israels Kampf gegen die Hamas – auch nicht, wenn er gleichzeitig amerikanische Truppen beherbergt. Wer braucht da noch UNO, diplomatische Kanäle oder so etwas Veraltetes wie das Völkerrecht?
UNO-Generalsekretär Guterres spricht von einer „eklatanten Verletzung der Souveränität“. Die EU rügt den Bruch internationalen Rechts. Die arabischen Nachbarn sprechen von „brutaler Aggression“. Und selbst die USA, sonst treue Steigbügelhalter jeder israelischen Militäraktion, zeigen sich – man höre und staune – „sehr unglücklich“. In diplomatischen Kreisen ist das beinahe ein Tobsuchtsanfall.
Geiseln als Faustpfand der Eskalation
Die bittere Ironie: Der Angriff dürfte genau das torpedieren, was Israel vorgibt, erreichen zu wollen – die Freilassung der noch lebenden Geiseln. Denn wer in die Hauptstadt jenes Staates bombt, der als einziger noch Kontakt zur Hamas hält, darf sich nicht wundern, wenn die Verhandlungen endgültig implodieren. Angehörige der Geiseln zeigen sich entsetzt, Diplomaten ratlos. Ein Befreiungsschlag? Eher eine politische Selbstsabotage mit Langzeitwirkung.
Verbündete vor den Kopf gestoßen
Nicht nur Katar wurde düpiert. Auch Washington musste zähneknirschend zusehen, wie der engste Partner Israels zur Zielscheibe wird. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Katar als Vermittler im Gaza-Krieg mit Ägypten und den USA an einem Waffenstillstand arbeitet. Eine schallende Ohrfeige für die gesamte Nahostdiplomatie – und das mit Ansage.
Selbst Trump, sonst ein bedingungsloser Fan Netanjahus, rudert zurück: „Nicht meine Entscheidung.“ Es ist wohl das diplomatische Äquivalent zu „Bitte nicht mit mir in Verbindung bringen.“
Ein Präzedenzfall mit Sprengkraft
Der Angriff auf Doha ist mehr als eine gezielte Tötung. Es ist ein Dammbruch. Wenn jeder Staat dort zuschlagen darf, wo er Gegner vermutet – ungeachtet internationaler Grenzen oder Bündnisse – dann ist der Weg frei für eine Weltordnung der Präventivschläge. Die Botschaft: Macht ersetzt Recht, und wer Waffen hat, braucht keine Diplomatie.
Fazit: Sieg der Härte, Niederlage der Vernunft
Was bleibt, ist ein Scherbenhaufen. Israels demonstrative Härte könnte sich als Pyrrhussieg entpuppen – außenpolitisch isolierend, innenpolitisch riskant und moralisch höchst zweifelhaft. Die geopolitische Sprengkraft dieses Alleingangs wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Klar ist nur: Wer blind auf militärische Stärke setzt, verliert leicht den Überblick über die politische Realität.
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