Früher vergruben Piraten ihre Beute auf einsamen Inseln. Heute lagern sie sie auf USB-Sticks – oder gleich beim Bundeskriminalamt. In Leipzig beginnt nun der wohl spektakulärste Schatzprozess seit „Fluch der Karibik – Sächsische Edition“.
Im Zentrum: Josef F., mutmaßlicher Mastermind hinter der illegalen Streamingplattform Movie2k. Während halb Deutschland Anfang der 2010er kostenlos Blockbuster streamte und sich fragte, warum plötzlich dubiose Casino-Banner über den Bildschirm hüpften, investierte jemand im Hintergrund ganz entspannt in Bitcoins. Fast 50.000 Stück. Damals eher Nerd-Spielgeld, heute ein Betrag, mit dem man Sachsen vermutlich vergolden könnte.
Vom Raubkopierer zum Großinvestor
Movie2k bot bis 2013 rund 220.000 Filme kostenlos an – sehr zur Freude der Nutzer, weniger zur Freude der Filmindustrie. Finanziert wurde das Ganze durch Werbung, die offenbar aus der Kategorie „Wenn Sie hier klicken, sind Sie reich – oder pleite“ stammte.
Die Millioneneinnahmen flossen – ganz modern – in Kryptowährungen. Ein geschickter Move, wie sich herausstellte: Aus ein paar Millionen wurden über die Jahre sagenhafte 2,6 Milliarden Euro. Während andere ihr Geld auf dem Sparbuch verdunsten sahen, machte der mutmaßliche Streaming-Pirat unfreiwillig die erfolgreichste Krypto-Anlageberatung der deutschen Justizgeschichte.
Sachsen rechnet schon mal durch
Als Josef F. Anfang 2024 die Bitcoins freiwillig herausrückte, dürften in Dresden und Leipzig kurz die Taschenrechner geglüht haben. 2,6 Milliarden Euro – das wäre genug, um ein Jahr lang das Innenministerium samt Polizei und Feuerwehr zu finanzieren. Oder ein gutes Drittel der sächsischen Schulden zu tilgen. Vielleicht bleibt sogar noch etwas für einen besonders luxuriösen Weihnachtsmarkt übrig.
Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn wie bei jedem guten Schatz gibt es mehrere Anspruchsteller:
– Ein südeuropäisches Land, das noch Steuerschulden eintreiben möchte.
– Die Filmindustrie, die sich an ein paar entgangene Kinoabende erinnert.
– Und natürlich Josef F. selbst – falls das Gericht zu dem Schluss kommt, dass Verjährung schneller war als die Justiz.
Verjährung – der natürliche Feind des Blockbusters
Einige der vorgeworfenen Urheberrechtsverletzungen liegen so lange zurück, dass sie womöglich juristisch ins Archiv gehören. Die große Frage lautet nun: Darf der Staat nur das einkassieren, was ursprünglich investiert wurde? Oder auch die sagenhafte Bitcoin-Rendite, die eher nach Silicon Valley als nach Sachsen klingt?
Man stelle sich vor: Ein Mann streamt Filme, kauft Bitcoins – und am Ende saniert er unfreiwillig einen Landeshaushalt. Das ist entweder die modernste Robin-Hood-Geschichte aller Zeiten oder das Drehbuch für die nächste Netflix-Serie. Titelvorschlag: „Breaking Coin – Der Schatz von Leipzig“.
Der Schatz liegt – vorerst
Seit zwei Jahren liegt das Geld auf einem Verwahrkonto und wartet darauf, wem es am Ende gehört. Es ist vermutlich der einzige Schatz der Welt, bei dem alle Beteiligten hoffen, dass er echt ist – und niemand „Passwort vergessen“ gedrückt hat.
Am Dienstag entscheidet nun das Landgericht Leipzig darüber, ob Sachsen bald im Krypto-Gold schwimmt oder ob der Streaming-Schatz wieder auf hohe See hinausfährt.
Fest steht: So spannend war Haushaltspolitik selten.
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