Kritisches Anleger-Interview mit Rechtsanwalt Maurice Högel (Kanzlei BEMK)
Anleger (A): Herr Rechtsanwalt Högel, ich habe mir die Maclear AG angeschaut. Auf der Website klingt alles sehr rund: Schweizer Plattform, 0% Gebühren, monatliche Zinsen, garantierte Auszahlungen, Provisioning Fund, AML/GDPR-Compliance und Renditen bis 15,6%, im Kryptobereich sogar bis 25%. Was ist aus Anlegersicht der erste Warnhinweis?
RA Högel (H): Wenn in einem Umfeld mit realwirtschaftlichen Krediten und Ausfallrisiken Begriffe wie „garantiert“, „0% Risiko“, „Zahlungsschutz“ oder extrem hohe, sehr gleichförmige Renditen verwendet werden, ist Skepsis angebracht. Nicht, weil hohe Renditen grundsätzlich unmöglich sind – sondern weil Anleger oft nicht erkennen, wer eigentlich garantiert, wodurch diese Garantie gedeckt ist und unter welchen Bedingungen sie gilt.
1) „Von der Schweiz reguliert“ – was heißt das konkret?
A: Maclear bezeichnet sich als „von der Schweiz regulierte Anlageplattform“ und nennt eine Mitgliedschaft bei „PolyReg“. Reicht das als Regulierung?
H: „Reguliert“ ist ein starkes Wort. Anleger sollten prüfen, welche Art von Aufsicht tatsächlich vorliegt. Es gibt in der Schweiz unterschiedliche Regime (z. B. Bewilligungen, SRO/AML-Anbindung, Finanzmarktaufsicht). Eine AML-Anbindung oder Mitgliedschaft in einer Selbstregulierungsorganisation kann bedeuten: Es gibt Vorgaben zur Geldwäscheprävention. Das ist wichtig – ersetzt aber nicht automatisch eine umfassende Anleger- oder Produktaufsicht wie bei Banken oder voll regulierten Wertpapierdienstleistern.
A: Was wäre die entscheidende Nachfrage?
H: Ganz konkret:
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Welche Bewilligung hat die Plattform – und von wem?
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Wird sie als Finanzintermediär geführt, als Kreditvermittler, als Emittent, als Vermögensverwalter?
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Welche behördliche Stelle ist zuständig, wenn Anleger Ansprüche durchsetzen wollen?
2) „0% Gebühren“ – wer verdient dann?
A: Maclear sagt: Anleger zahlen keine Gebühren, „alle Kosten übernimmt Maclear“. Klingt positiv. Wo ist der Haken?
H: Kostenlos heißt nicht, dass niemand verdient – sondern nur, dass die Kosten nicht beim Anleger als Gebühr auftauchen. In P2P-/P2B-Modellen kommen Einnahmen häufig von der Kreditnehmerseite: Arrangement Fees, Servicing Fees, Risikoaufschläge, Gebühren bei Zahlungsverzug, Wechselkurs-/Krypto-Spreads, Partner- oder Vermittlerprovisionen. Anleger sollten sich die Ertragsquellen transparent erklären lassen.
A: Worauf achten?
H: Auf ein Dokument wie: „Wie verdient die Plattform Geld?“ inklusive:
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Gebührenstruktur beim Kreditnehmer,
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Provisionen an Dritte (z. B. „Referral“-System),
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Margen bei Krypto-Transaktionen,
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und ob es interne Interessenkonflikte gibt (z. B. verbundene Unternehmen als Kreditnehmer oder Dienstleister).
3) „Garantierte monatliche Auszahlungen“ – wer garantiert was?
A: In den Testimonials steht sinngemäß: „Bei Zahlungsausfall oder Verzögerung übernehmen sie die Zahlungen.“ Außerdem wird von „Investitionen sind garantiert und durch Sicherheiten abgesichert“ gesprochen. Wie prüfe ich das?
H: Das ist ein zentraler Punkt. Es macht einen enormen Unterschied, ob es
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eine rechtlich verbindliche Garantie gibt,
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oder nur ein freiwilliges „Buyback“-Versprechen,
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oder ein interner Sicherungsfonds („Provisioning Fund“), der aber begrenzt ist.
A: Wie erkennt man den Unterschied?
H: Anleger brauchen die Vertragskette: AGB, Investorenvereinbarung, Darlehensverträge, Sicherheitenverträge. Dort muss stehen:
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Wer ist Garant (Maclear selbst? Kreditnehmer? Dritte?),
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was wird garantiert (nur Zinsen? Zinsen + Kapital?),
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wann wird gezahlt (nach wie vielen Tagen Verzug?),
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und vor allem: Was passiert, wenn der Garant selbst zahlungsunfähig wird?
4) Provisioning Fund: Schutzschirm oder Marketingbegriff?
A: Der „Provisioning Fund“ wird als Sicherheitsmechanismus dargestellt. Kann ich mich darauf verlassen?
H: Ein Sicherungsfonds kann sinnvoll sein – aber er ist nur so gut wie:
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seine Ausstattung,
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seine rechtliche Trennung vom Unternehmensvermögen,
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seine Auszahlungsregeln,
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und seine Prüfung (Audit/Transparenz).
A: Welche Fragen wären fair, aber hart?
H: Zum Beispiel:
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Wie hoch ist der Fonds in Euro?
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Welche Quote deckt er ab (z. B. erwartete Ausfälle)?
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Liegt das Geld segregiert auf Treuhandkonten oder in der Bilanz des Unternehmens?
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Wird der Fonds extern geprüft?
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Kann die Plattform den Fonds für eigene Zwecke verwenden?
5) Rendite 13,5–15,6% im „realen Sektor“ – passt das zum Risiko?
A: Maclear wirbt mit durchschnittlich 14,6% Rendite, Laufzeiten 12–16 Monate, und gleichzeitig steht dort „Zahlungsausfall/verspätete Kredite: 1/0“. Also praktisch keine Ausfälle. Ist das realistisch?
H: Bei Unternehmenskrediten sind Ausfälle ein normaler Bestandteil des Risikos – insbesondere bei hohen Zinsen. Wenn eine Plattform gleichzeitig sehr hohe Renditen und nahezu keine Ausfälle kommuniziert, ist die Frage: Wie werden Ausfälle definiert? Werden problematische Kredite verlängert („evergreening“)? Wird Verzögerung als Ausfall gezählt? Oder werden Risiken über interne Mechanismen verdeckt?
A: Was sollte ein Anleger verlangen?
H: Eine vollständige Performance-Statistik nach einheitlichen Standards:
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Ausfallrate (Default),
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Verzug >30/>60/>90 Tage,
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Recovery-Quote,
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Netto-Rendite nach Verlusten,
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und eine Historie über mehrere Jahre – nicht nur Momentaufnahmen.
6) Kreditnehmer-Ratings (A/BBB etc.) – wer vergibt die?
A: Die Plattform zeigt Projekte mit Ratings wie A, BBB. Was bedeutet das rechtlich?
H: Ratings wirken seriös, sind aber oft interne Scorings. Das ist nicht per se schlecht – aber Anleger dürfen das nicht mit externen Ratings von Ratingagenturen verwechseln. Wichtig ist: Welche Kriterien? Welche Gewichtung? Welche Datenbasis? Und gibt es Interessenkonflikte?
7) Auszahlungen in 1–2 Werktagen: Was, wenn es nicht klappt?
A: Es klingt, als sei Liquidität leicht: Auszahlung per IBAN in 1–2 Tagen. Ist das ein Versprechen?
H: Oft sind das „normale Bearbeitungszeiten“, aber kein Rechtsanspruch. Wenn Liquidität knapp wird, können Plattformen Auszahlungen verzögern, Auszahlungsfenster begrenzen oder Sekundärmärkte austrocknen. Entscheidend ist, was in den AGB steht: Gibt es Auszahlungsstopp-Klauseln? Kündigungs- oder Suspendierungsrechte?
8) Referral-Bonus 3% + Loyalty bis 3% – warum ist das relevant?
A: Neben der Rendite gibt es Empfehlung 3% und Treuebonus bis 3%. Was heißt das für Anleger?
H: Hohe Bonus- und Empfehlungsprogramme können Wachstum pushen, bergen aber das Risiko, dass Marketing über Substanz gestellt wird. Juristisch interessant ist: Werden Anleger dadurch zu „Werbern“, entstehen Beratungs-/Vermittlungsnähen, und werden Risiken im Empfehlungsprozess verharmlost? Außerdem: Wer finanziert diese Boni – aus Unternehmensmarge oder indirekt aus Kreditnehmerkonditionen?
9) 8lends: bis 25% Rendite mit USDC – neues Risiko-Level?
A: Zusätzlich gibt es „8lends“, Blockchain, USDC, bis 25% Rendite. Was sind hier die großen roten Flaggen?
H: Krypto bringt zusätzliche Risikokomponenten:
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Stablecoin-Risiko (USDC ist zwar etabliert, aber nicht risikofrei),
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Smart-Contract-/Plattformrisiko,
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Regulatorik (je nach Ausgestaltung können andere Regeln greifen),
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Geldwäsche-/Transaktionsrisiken,
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und bei „schneller, höher, mehr Rendite“ steigt meist schlicht das Ausfall- oder Gegenparteirisiko.
A: Was wäre die Kernfrage?
H: Ob Anleger in ein Darlehen investieren, in ein Token, in ein Pool-Konstrukt, oder ob es am Ende ein reines Plattformversprechen ist. Das muss rechtlich klar sein: Was besitzen Anleger wirklich? Und wo ist das einklagbar?
10) Insolvenz-Szenario: Wem gehört was, wenn die Plattform kippt?
A: Der Maclear-Blog erwähnt „Insolvenzrecht für Schweizer Crowdlender“ und Schutz von Kapitalgebern. Was ist als Anleger entscheidend?
H: Nicht, was im Blog steht, sondern was in der Struktur umgesetzt ist. Die Kernfragen:
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Liegen Anlegergelder getrennt vom Unternehmensvermögen?
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Gibt es Treuhandkonten?
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Sind Forderungen gegenüber Kreditnehmern an Anleger abgetreten oder bleiben sie bei der Plattform?
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Wer ist Servicer im Insolvenzfall?
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Wo ist Gerichtsstand, welches Recht gilt?
Wenn Anleger formal nur eine Forderung gegen die Plattform haben, kann ein Plattformausfall fatal sein – selbst wenn die Kreditnehmer eigentlich zahlen würden.
11) „EU-Unternehmen als Kreditnehmer“ – wie transparent ist das?
A: Maclear sagt, Kreditnehmer sitzen in der EU, es gebe umfassende Risikobewertungen und Transparenz. Was sollten Anleger sehen dürfen?
H: Mindestens:
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Firmenidentität (Handelsregisterdaten),
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Jahresabschlüsse oder verifizierte Kennzahlen,
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konkrete Sicherheiten (Art, Rang, Verwertung),
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Verwendungszweck des Darlehens,
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und Nachweise, dass die Firma existiert und wirtschaftlich aktiv ist.
Bei sehr knapper Information sollten Anleger vorsichtig sein – Transparenz ist ein Kernversprechen von Crowdlending.
Schlussfrage: Was raten Sie Anlegern, die bereits investiert haben?
A: Was ist Ihr pragmatischer Rat für Anleger, die schon Geld auf der Plattform haben?
H: Drei Schritte, nüchtern und ohne Panik:
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Dokumente sichern: AGB, Verträge, Projektbeschreibungen, Zahlungsbelege, Kommunikation.
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Risiko reduzieren: Nicht „alles auf einmal“ reinvestieren, Auszahlungen testweise durchführen, Diversifikation prüfen.
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Kernpunkte schriftlich klären: Garantie/Provisioning Fund/Segregation/Insolvenzmechanik – am besten mit klaren Fragen und Fristen.
Und: Hohe Renditeangebote sind nie „geschenkt“. Wer 15–25% erwartet, muss verstehen, welches Risiko er dafür tatsächlich trägt.
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