Im Museum der Revolution in Havanna erzählen Fotos und Zeitzeugenberichte vom Kuba vor 1959: Armut, Korruption, die Diktatur Fulgencio Batistas. Ein Bild prägt die Ausstellung besonders: eine Frau in einer Hütte mit Lehmboden, die über Feuerholz kocht – Symbol für die Entbehrungen vor dem Sieg der Revolution.
Doch genau mit dieser Frau identifiziert sich heute Lisandra Botey, eine Hausfrau aus Havanna, mehr als mit den Revolutionären um Fidel Castro. „Wir leben heute genauso“, sagt sie vor ihrem aus Blech und Holz zusammengezimmerten Zuhause. Strom gebe es oft nur zu Schulzeiten, daher müsse die Familie morgens ans Meer, um Feuerholz zu sammeln. Ihre neunjährige Tochter gehe gelegentlich ohne Frühstück zur Schule, berichtet Botey unter Tränen. Ihr Mann Brenei Hernández, Bauarbeiter ohne regelmäßige Arbeit, rührt in einem Topf weißen Reis: „Jeden Tag derselbe Hunger, dasselbe Elend.“
Ölkrise trifft Kuba ins Mark
Die kubanische Wirtschaft befindet sich seit der Corona-Pandemie im freien Fall. Besonders dramatisch ist die Treibstoffknappheit: In vielen Regionen werden seit Monaten kaum noch Gaslieferungen registriert, Kochen mit Holz und Holzkohle ist für zahlreiche Familien Normalität. Nun verschärft sich die Lage zusätzlich – laut Bericht in Folge geopolitischer Entwicklungen in Venezuela, einem jahrzehntelang zentralen Öllieferanten Kubas. Die Versorgung mit venezolanischem Rohöl, die für Kuba bedeutend war, ist demnach weitgehend versiegt.
Die Folgen spüren die Menschen im Alltag: In Havanna dauern Stromausfälle teils 15 Stunden oder länger. Krankenhäuser arbeiten im Dunkeln und behandeln nach Möglichkeit nur Notfälle. Schulen schließen immer wieder. Müll türmt sich an Straßenecken, weil den staatlichen Müllwagen Treibstoff fehlt. In den Abfällen suchen ältere und ausgemergelte Menschen nach Verwertbarem.
Für einen Staat, der seit 1959 seinen sozialen Schutzschirm betont – Gesundheitsversorgung, Alphabetisierung, Rückgang der Kindersterblichkeit – ist das ein düsteres Bild.
„Maximum Pressure“: Trumps verschärfter Kurs
Parallel zur Energiekrise erhöht Washington den Druck. US-Präsident Donald Trump setzt laut Bericht auf eine verschärfte Sanktions- und Abschreckungspolitik: Er droht demnach mit Strafzöllen gegen Länder, die Öl nach Kuba liefern. Die Botschaft: Kein Treibstoff, keine Normalität.
Einige traditionelle Partner Kubas – genannt werden Mexiko, Russland, China, Vietnam oder Iran – hätten die Lücke bislang nicht geschlossen. Zugleich kündigte das US-Finanzministerium laut Bericht an, bestimmte ограничte Ölexporte für „kommerzielle und humanitäre Zwecke“ zu erleichtern – ein Signal, das Spannungen aber nicht auflöst.
Der kubanische Ökonom Ricardo Torres beschreibt den Ansatz als Spielwechsel: „Trumps alte Kuba-Spielzüge gelten nicht mehr. Wer das nicht erkennt, erlebt ein böses Erwachen.“ Trump habe erklärt, „Kuba sei bereit zu fallen“ – ein Satz, den Beobachter als Hinweis auf ein strategisches Ziel deuten: das System von innen zu schwächen, bis staatlich gelenkter Sozialismus kollabiert oder zu Verhandlungen gezwungen wird.
Zuspitzung an der Grenze, wachsende Nervosität
Zusätzliche Brisanz gewinnt die Lage durch einen schweren Zwischenfall auf See: Kubas Regierung berichtete, Grenztruppen hätten vier Menschen an Bord eines in den USA registrierten Schnellboots erschossen. Havanna erklärte, es habe sich um kubanische Staatsbürger gehandelt, die in den USA lebten. Ein US-Vertreter sprach laut Bericht von mindestens einem getöteten US-Bürger und einem Verletzten. US-Außenminister Marco Rubio kündigte Untersuchungen zu dem „höchst ungewöhnlichen“ Vorfall an.
Rationierung und Schwarzmarkt
Wie lange Kuba ohne neue Treibstofflieferungen durchhält, ist unklar. Torres schätzt, vorhandene Vorräte könnten „sechs bis acht Wochen“ reichen – belastbare Daten gebe es nicht, weil Kuba keine Zahlen zu Lagerbeständen veröffentliche. Möglich sei eine „extreme Rationierung“, wobei die Einschränkungen schon jetzt hart sind: Menschen dürfen an Tankstellen nur begrenzte Mengen kaufen, teils nur gegen US-Dollar, und müssen sich über eine staatliche App in Warteschlangen einreihen. Auf dem Schwarzmarkt explodieren die Preise.
Frust richtet sich nicht nur gegen Washington
Bemerkenswert ist: Brenei Hernández gibt nicht den USA die Schuld, sondern der eigenen Regierung. „Ich würde mir wünschen, Trump übernimmt das hier – dann sehen wir, ob es besser wird“, sagt er offen. Solche Aussagen wären vor Jahren öffentlich kaum denkbar gewesen. Der Bericht beschreibt eine neue Offenheit – und eine schwindende Angst, Repressionen durch offene Kritik zu riskieren.
Regimewechsel als Ziel – aber mit ungewissem Ausgang
Torres hält den Kern des US-Kurses für altbekannt: Regimewechsel. Neu sei die Methode, die Kuba ausgerechnet in seiner schwächsten Phase seit dem Kalten Krieg treffe. Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel bezeichnete die Politik laut Bericht als unmenschlich und völkerrechtswidrig: „Welches Recht hat eine Weltmacht, einem kleineren Land Treibstoff und Funktionsfähigkeit zu verweigern?“
Gleichzeitig warnen Experten vor „unbeabsichtigten Folgen“: Ein abruptes politisches Beben könnte eine humanitäre Krise und neue Migrationswellen auslösen.
Wer verhandelt überhaupt?
Auf US-Seite prägt Außenminister Marco Rubio die Linie, ein kubanischstämmiger Politiker und langjähriger Hardliner. Auf kubanischer Seite, so Torres, liege die eigentliche Macht nicht bei Präsident Díaz-Canel, sondern im Umfeld von Raúl Castro (94) und einem engen Kreis. Der ehemalige US-Botschafter Jeffrey DeLaurentis sagt: Ob die Revolution existenziell bedroht sei, hänge stark davon ab, ob andere Staaten einspringen – etwa Russland. Bisher seien entsprechende Hilfen aber nicht sichtbar.
Ein Museum geschlossen – und ein System am Wendepunkt?
Ironisch wirkt ein Detail am Ende: Das Museum der Revolution ist seit über einem Jahr wegen Renovierung geschlossen – und nun fehle auch noch Treibstoff, um weiterzubauen.
In Kuba, so die Deutung, könnte 2026 nicht nur ein Gebäude umgebaut werden. Sondern möglicherweise das politische Projekt, das es verherrlicht.
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