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Falscher Samenspender, falsche Eizellen, zerstörtes Vertrauen: Wie britische Familien nach IVF-Behandlungen in Nordzypern an ihrer Geschichte zweifeln

Pexels (CC0), Pixabay
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Es beginnt mit einem Blick in die Augen eines Neugeborenen.

„Schon kurz nach James’ Geburt wusste ich, dass irgendetwas nicht stimmt“, sagt Laura.
Ihr Sohn habe wunderschöne braune Augen gehabt. Nur passten diese Augen nicht zu dem Bild, das sie und ihre Partnerin Beth über Jahre im Kopf getragen hatten: das Bild des Samenspenders, den sie für ihre Familie bewusst ausgesucht hatten.

Die beiden Britinnen hatten sich viel Mühe gegeben. Sie wollten nicht einfach nur Kinder. Sie wollten eine nachvollziehbare Geschichte für diese Kinder. Einen gesunden, anonymen Spender. Möglichst ähnliche körperliche Merkmale. Und vor allem: denselben Spender für beide Kinder, damit die Geschwister biologisch miteinander verwandt sind.

Heute wissen sie:
Nichts davon war so, wie sie glaubten.

Nach DNA-Tests stellte sich heraus, dass keines ihrer beiden Kinder mit dem ausgewählten Samenspender gezeugt wurde. Mehr noch: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Kinder nicht einmal denselben Spender haben – und somit nicht biologisch miteinander verwandt sind.

Es ist einer von mehreren Fällen, die die BBC nun öffentlich gemacht hat. Und es ist ein Fall, der ein grelles Licht auf eine boomende Branche wirft: Kinderwunschbehandlungen in Nordzypern.

Ein Kinderwunsch, ein Versprechen, zwei Kinder – und ein Verdacht

Laura und Beth entschieden sich 2011, eine Familie zu gründen.
Ihre Wahl fiel auf das Dogus IVF Centre im türkisch besetzten Norden Zyperns – ein Gebiet, das international nur von der Türkei anerkannt wird und in dem EU-Recht nicht gilt.

Die Klinik versprach viel:

  • internationale Spenderauswahl
  • niedrige Kosten
  • hohe Erfolgsquoten
  • Zugang zu Behandlungen, die in Großbritannien teils strenger reguliert oder gar nicht erlaubt sind

Für viele Britinnen und Briten ist Nordzypern deshalb seit Jahren attraktiv – gerade für:

  • Paare mit unerfülltem Kinderwunsch
  • gleichgeschlechtliche Paare
  • alleinstehende Wunscheltern
  • Menschen, die mehr Auswahl bei Spenderprofilen suchen

Beth und Laura wurde damals gesagt, die Klinik könne tiefgekühltes Sperma von Cryos International importieren – nach eigenen Angaben die größte Samenbank der Welt mit Sitz in Dänemark.

Das Paar suchte sorgfältig einen Spender aus.
Er trug den Namen „Finn“.

In seinem Profil wurde er beschrieben als:

  • fit und gesund
  • Nichtraucher
  • kaum Alkohol
  • dänisch
  • mit heller Augenfarbe und braunen Haaren

Für Beth und Laura war das nicht nur eine medizinische Auswahl, sondern ein emotionaler Akt. Ihre Kinder sollten später eine Vorstellung davon haben, woher die „andere Hälfte“ ihrer genetischen Geschichte kommt.

„Es war uns wichtig, dass unsere Kinder eine Ahnung davon haben, wer ihr Spender ist“, sagt Beth. „Das ist die Hälfte dessen, was sie ausmacht.“

„Dr. Firdevs wird das Sperma bestellen“

Die Kommunikation schien unkompliziert.

Die damalige Patientenkoordinatorin Julie Hodson schrieb dem Paar laut vorliegenden E-Mails, dass sie nichts weiter tun müssten. Dr. Firdevs werde den Transport des Samens in die Klinik organisieren.

Laura brachte später die erste Tochter Kate zur Welt.

Als das Paar ein zweites Kind wollte, kehrten sie zur selben Klinik und demselben Team zurück. Wieder baten sie ausdrücklich darum, erneut Spender Finn zu verwenden.

Diesmal brachte Beth den Sohn James zur Welt.

Die gesamte Behandlung – inklusive Medikamente, Hotels und Flüge – kostete das Paar nach eigenen Angaben rund 16.000 Pfund. Allein das Sperma von „Finn“ habe etwa 2.000 Pfund gekostet.

Die Familie sprach von Anfang an offen mit ihren Kindern über ihre Entstehungsgeschichte. Beide hätten sich selbst sogar als „halb dänisch“ beschrieben, erzählen die Mütter.

Doch dann kam James.

Der Zweifel beginnt mit braunen Augen

James sah anders aus als erwartet:

  • dunklere Augen
  • dunkleres Haar
  • olivfarbene Haut

Das allein beweist natürlich nichts. Genetik ist komplex. Doch der Zweifel blieb.

Über Jahre nagte er an den Eltern.
Fast ein Jahrzehnt lang.

Schließlich entschieden Beth und Laura, ihre Kinder testen zu lassen.

Die kommerziellen DNA-Tests brachten den Schock:

  • Keines der Kinder passte zu dem gewählten Spender „Finn“
  • Die Ergebnisse deuteten zudem darauf hin, dass Kate und James nicht denselben Samenspender haben
  • Damit wären sie nicht biologisch verwandt

„Das Gefühl des Entsetzens war: Irgendetwas ist hier furchtbar schiefgelaufen“, sagt Beth.

Akkreditierte DNA-Tests bestätigen den Verdacht

Weil kommerzielle DNA-Tests juristisch angreifbar sein können, ließ die Familie später weitere, akkreditierte Tests durchführen – also solche, die vor britischen Gerichten verwendet werden können.

Das Ergebnis war noch eindeutiger:

  • Kate und James sind nicht biologisch verwandt
  • Sie stammen nicht vom selben Samenspender
  • Eine führende forensische Genetik-Expertin, Prof. Denise Syndercombe Court, hält es zudem für unwahrscheinlich, dass eines der Kinder biologisch mit „Finn“ verwandt ist

Für Beth und Laura zerfiel damit nicht nur ein medizinischer Ablauf.
Es zerfiel die Geschichte, die sie ihren Kindern erzählt hatten.

Die große Leerstelle: Wer waren die echten Spender?

Mit dem DNA-Schock kam die zweite, womöglich noch schmerzhaftere Erkenntnis:

Die Familie hatte plötzlich keine belastbaren Informationen mehr darüber,

  • wer die tatsächlichen Spender sind,
  • welche genetischen oder gesundheitlichen Voruntersuchungen durchgeführt wurden,
  • welche familiären Vorerkrankungen bestehen könnten,
  • und ob die Kinder womöglich Halbgeschwister irgendwo auf der Welt haben.

„Wir gingen von einem Profil aus, von einer Familiengeschichte, von medizinischen Angaben – und plötzlich war da einfach nichts mehr“, sagt Beth.

Das ist der Kern solcher Fälle:
Es geht nicht nur um äußere Ähnlichkeit oder „falsche Gene“.
Es geht um Identität, medizinische Sicherheit und biografische Wahrheit.

Mehrere Familien, dieselbe Spur

Der Fall von Beth und Laura steht offenbar nicht allein.

Die BBC spricht von sieben Kindern aus mehreren Familien, deren Eltern glauben, dass bei IVF-Behandlungen in Nordzypern falsche Samenspender oder Eizellspenderinnen verwendet wurden.

Die meisten dieser Familien haben DNA-Tests durchführen lassen, die ihre Befürchtungen stützen.

Besonders brisant: Mehrere dieser Fälle führen zu derselben medizinischen Konstellation – oder zumindest zu demselben Umfeld.

Die Ärztin Dr. Firdevs Uguz Tip spielte laut BBC in mehreren der betroffenen Behandlungen eine Rolle.

Dogus IVF Centre

Bei Beth und Laura fand die Behandlung im Dogus IVF Centre statt.
Dort soll laut den Frauen Julie Hodson als Koordinatorin gearbeitet haben, während Dr. Firdevs die medizinische Behandlung durchführte.

Später erklärten jedoch die Beteiligten teils etwas anderes:

  • Dr. Firdevs sagte der BBC, sie sei nicht für die Bestellung des Samens verantwortlich gewesen
  • Es seien ihr keine Informationen zur Bestellung von „Finn“ weitergegeben worden
  • Sie zweifelte außerdem die Beweiskraft der kommerziellen DNA-Tests an
  • Zugleich erklärte sie, sie habe zwischen 2011 und 2014 gar keine IVF-Behandlungen durchgeführt – obwohl laut BBC die damalige Website des Dogus-Zentrums detailliert Behandlungen mit ihr bewarb

Die Klinik Dogus IVF Centre reagierte laut BBC nicht auf Anfragen.

Später: Miracle IVF Centre

Ab 2015 arbeiteten Firdevs und Hodson offenbar an anderer Stelle zusammen.
2019 gründete Firdevs das Miracle IVF Centre.

Auch dort berichten laut BBC zwei weitere britische Familien von schwerwiegenden Zweifeln – diesmal im Zusammenhang mit Eizellspenderinnen.

Nicht nur falscher Samen – auch falsche Eizellen?

Zwei weitere britische Familien, die anonym bleiben möchten, berichten der BBC, sie seien bei Miracle IVF Centre behandelt worden und glaubten, nicht die Eizellspenderinnen erhalten zu haben, die sie ausgewählt hatten.

Die Familien hatten konkrete Profile erhalten, die wie individuelle Spenderinnen-Profile wirkten:

  • Alter
  • Nationalität
  • Größe
  • Gewicht
  • Haarfarbe
  • Augenfarbe
  • Hauttyp
  • Beruf
  • Hobbys
  • Gesundheitsangaben

Doch spätere DNA-Tests sollen laut BBC den Verdacht gestützt haben, dass diese Auswahl nicht tatsächlich verwendet wurde.

Eine der betroffenen Frauen, von der BBC „Kathryn“ genannt, sagt:

„Ich will mein Kind nicht über seine Herkunft belügen.“

Sie betont, es gehe ihr nicht darum, ein Kind zu wollen, das ihr ähnlich sehe. Es gehe darum, dass ihr offenbar etwas zugesichert worden sei, das so nie transparent kommuniziert wurde.

Dr. Firdevs entgegnet laut BBC:

  • Die Auswahl der Eizellspenderinnen sei „ausschließlich“ durch Miracle IVF erfolgt
  • Die Klinik stelle keine Profile einer „spezifischen Person“ zur Verfügung
  • Es werde keine Garantie über Ethnie oder konkrete Spenderidentität gegeben
  • Dies sei in Einwilligungsformularen offengelegt und offen kommuniziert worden

Die betroffenen Familien widersprechen dem.
Sie sagen, sie seien sehr wohl davon ausgegangen, eine konkrete Spenderin ausgewählt zu haben.

Cryos: „Es ist menschlich – aber so ein Fehler ist uns nie passiert“

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Rolle von Cryos International, der dänischen Samenbank, von der Beth und Laura – ebenso wie mindestens eine weitere Familie – glaubten, dass dort Spendersamen bestellt worden sei.

Der CEO von Cryos, Ole Schou, sagte der BBC:

  • Es gebe zahlreiche Sicherheitsmechanismen
  • 100-prozentige Fehlerfreiheit gebe es nie
  • Aber: Ein solcher Fehler sei in der 45-jährigen Geschichte des Unternehmens noch nie dokumentiert worden

Das ist ein diplomatischer Satz mit klarer Stoßrichtung:
Die Wahrscheinlichkeit, dass der Fehler bei Cryos lag, erscheint nach Darstellung des Unternehmens äußerst gering.

Experten sprechen von möglicher Fahrlässigkeit – oder Täuschung

Mehrere europäische Fruchtbarkeitsexperten, mit denen die BBC sprach, halten einen versehentlichen Einsatz eines falschen Spenders in einer IVF-Behandlung zwar für selten, aber grundsätzlich denkbar.

Doch wenn ein solcher Fehler mehrfach im Zusammenhang mit demselben Team auftauche, sei das etwas anderes.

Die Einschätzung der Experten ist drastisch:

  • Es könne auf Fahrlässigkeit hindeuten
  • Oder sogar auf Täuschung

Der britische Fertilitätsspezialist Dr. Ippokratis Sarris von der British Fertility Society nennt die Lage „absolut entsetzlich“.

Ein Vertauschen von Samen, Eizellen oder Embryonen sei in jeder seriösen IVF-Einheit der Albtraum schlechthin. Einen solchen Fall in Großbritannien habe er in dieser Form noch nie erlebt.

Warum Nordzypern für Kinderwunsch-Tourismus so attraktiv ist

Die Geschichte ist nicht nur ein Einzelfall, sondern auch ein Lehrstück über den boomenden Markt des sogenannten Fertility Tourism – also Kinderwunschreisen ins Ausland.

Nordzypern ist besonders attraktiv, weil dort:

  • die Preise oft deutlich niedriger sind als in Großbritannien
  • Kliniken mit hoher Erfolgsquote werben
  • es eine breite Auswahl an anonymen Spenderprofilen gibt
  • manche Behandlungen möglich sind, die in Großbritannien verboten oder stark eingeschränkt sind

Dazu gehört laut BBC etwa auch Geschlechtsauswahl aus nicht-medizinischen Gründen, die in Großbritannien illegal ist.

Der Preis für diese Flexibilität könnte jedoch ein regulatorischer Graubereich sein.

Denn anders als in Großbritannien gibt es in Nordzypern keine unabhängige Aufsichtsbehörde, die IVF-Kliniken systematisch überwacht, Standards durchsetzt oder Lizenzen entziehen könnte.

Die Aktivistin und Juristin Mine Atli bringt es auf den Punkt:

Kliniken, die sich an Regeln halten, tun das dort im Zweifel eher aus Gewissen – nicht, weil der Staat sie wirksam dazu zwingt.


Die eigentliche Wunde: Identität

Für Erwachsene ist das ein medizinischer Skandal.
Für die Kinder kann es eine Identitätskrise sein.

James, einer der betroffenen Jungen, sagt der BBC einen Satz, der härter trifft als jede regulatorische Analyse:

„Man kann nicht einfach sagen, jemand ist etwas – und dann ist er es nicht. Das ist schlecht. Identität ist das Wichtigste.“

Solche Enthüllungen können massive psychische Folgen haben:

  • Verunsicherung über die eigene Herkunft
  • Verlust von biografischer Sicherheit
  • Misstrauen gegenüber Eltern, Kliniken und Dokumenten
  • neue Fragen nach genetischer Gesundheit
  • Angst vor unbekannten Halbgeschwistern

Die britische Organisation Donor Conception Network warnt deshalb vor erheblichen Belastungen für Betroffene.

Und doch: „Wir sind immer noch eine Familie“

So brutal die genetische Wahrheit auch sein mag – sie zerstört nicht automatisch das, was im Alltag längst entstanden ist.

Kate und James wissen inzwischen, dass sie biologisch nicht miteinander verwandt sind.

Aber sie sind zusammen aufgewachsen.
Sie wurden von denselben Müttern großgezogen.
Sie teilen Erinnerungen, Routinen, Streit, Nähe – kurz: Familie.

Kate sagt:

„Wir sind immer noch eine Familie, auch wenn es nicht durch Blut ist.“

Es ist vielleicht der stärkste Satz dieser Geschichte.

Denn er erinnert daran, dass der Skandal nicht darin liegt, dass Familie ohne genetische Verbindung weniger wert wäre.
Der Skandal liegt darin, dass Menschen, die sich bewusst, reflektiert und mit viel Liebe für eine bestimmte Form von Familiengründung entschieden haben, womöglich belogen, falsch behandelt oder grob im Unklaren gelassen wurden.

Fazit

Der Fall der britischen Familien in Nordzypern ist mehr als ein medizinischer Zwischenfall. Er wirft fundamentale Fragen auf:

  • Wie sicher sind Kinderwunschbehandlungen in schwach regulierten Märkten?
  • Wie verlässlich sind Angaben zu Samen- und Eizellspendern?
  • Wer kontrolliert, ob bestellte Spender tatsächlich verwendet werden?
  • Und was passiert, wenn Jahre später Kinder feststellen, dass ihre Herkunftsgeschichte womöglich nie gestimmt hat?

Was als Hoffnung auf Familienglück begann, endet für mehrere Betroffene in einem Vakuum aus DNA-Tests, Schweigen, widersprüchlichen Aussagen und juristischen Fragen.

Oder, härter formuliert:

Wer bei einer IVF-Behandlung glaubt, einen medizinischen Vertrag zu schließen, schließt in Wahrheit oft auch einen Vertrag über Herkunft, Identität und Vertrauen.
Wenn dieser Vertrag bricht, bleibt nicht nur ein Fehler zurück – sondern eine biografische Erschütterung.

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