Hinter einem Casino im kambodschanischen Grenzort O Smach öffnet sich eine bizarre Parallelwelt. In einem verlassenen sechsstöckigen Gebäude fanden Reporter der BBC täuschend echte Kulissen: eine vietnamesische Bankfiliale, eine australische Polizeistation, daneben Requisiten für chinesische Beamte und gefälschte Dokumente brasilianischer Behörden. Was wie ein absurdes Filmset wirkt, war in Wahrheit Teil eines gigantischen internationalen Betrugsapparats.
Das Gebäude gehörte zu einem großen Scam-Komplex nahe dem Royal-Hill-Casino – einem Ort, an dem nach Angaben der BBC tausende Menschen unter teils brutalen Bedingungen Online-Betrug im industriellen Maßstab betrieben. Die Anlage wurde im Dezember bei Gefechten zwischen Thailand und Kambodscha bombardiert, danach flohen die Arbeiter. Zurück blieben halbvolle Nudelbecher, zerbrochene Fenster, falsche Geldscheine und Dokumente, die ein System aus Zwang, Überwachung und Misshandlung offenbaren.
Laut BBC zeigen Unterlagen, dass Beschäftigte bei Nichterreichen von Betrugsquoten mit Stockschlägen bestraft wurden. Wer keine neuen Opfer „anwärmte“, dem drohten Prügel. Selbst Toilettengänge wurden protokolliert. Ein junger Mann aus Uganda schilderte, er sei mit einem vermeintlichen Jobangebot im Digitalmarketing nach Südostasien gelockt worden – und habe sich stattdessen in einer Art Gefängnis wiedergefunden. Er berichtet von Elektroschocks, Folter in einem sogenannten „Black Room“ und 15- bis 16-Stunden-Schichten. Mithilfe von KI seien Stimmen und Gesichter manipuliert worden, um vor allem ältere Opfer in den USA emotional zu binden und dann finanziell auszunehmen.
Besonders brisant: Die BBC zeichnet nach, wie eng die Scam-Industrie mit Kambodschas Machtelite verflochten gewesen sein soll. Mehrere Casino-Besitzer und Unternehmer stehen seit Jahren im Verdacht, solche Anlagen gedeckt oder ermöglicht zu haben. Erst unter massivem Druck aus den USA, China und anderen Staaten geht die Regierung inzwischen sichtbarer gegen die Branche vor. Zehntausende ausländische Arbeiter sollen repatriiert worden sein, bekannte Akteure wurden festgenommen oder ausgeliefert.
Doch Zweifel bleiben. Kritiker sprechen von einem „Whack-a-Mole“-Prinzip: Ein Zentrum wird geschlossen, das nächste eröffnet diskreter an anderer Stelle. Der Fall Royal Hill zeigt vor allem eines: Der globale Online-Betrug ist längst keine diffuse Cyberkriminalität mehr – sondern ein hochorganisiertes, physisch greifbares Geschäftsmodell aus Gewalt, Täuschung und politischer Protektion.
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