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Cognitive Shuffling: Das neue Einschlaf-Wunder – oder einfach nur Schäfchenzählen für Menschen mit WLAN?

Claudio_Scott (CC0), Pixabay
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Wer nachts im Bett liegt und statt Schlaf lieber eine unfreiwillige Live-Übertragung seines Gedankenkarussells erlebt, kennt das Problem: Der Körper ist müde, aber das Gehirn hält offenbar gerade eine Krisensitzung ab.

Da wird über alte Gespräche nachgedacht, über peinliche Momente aus dem Jahr 2009, über unbezahlte Rechnungen, Weltpolitik, Rückenschmerzen, den Sinn des Lebens – und natürlich darüber, warum man verdammt nochmal immer noch nicht schläft.

Und jetzt kommt ausgerechnet Social Media mit einem neuen Wundermittel um die Ecke:
Cognitive Shuffling.

Klingt wie eine Mischung aus Gehirnjogging, Kartentrick und Silicon-Valley-Humbug – soll aber tatsächlich helfen, schneller einzuschlafen.

Was ist Cognitive Shuffling überhaupt?

Die Methode ist im Grunde erschreckend simpel:

Man nimmt ein emotional neutrales Wort, zum Beispiel:

KUCHEN

Dann geht man Buchstabe für Buchstabe durch und denkt sich zu jedem Buchstaben möglichst viele Begriffe aus – natürlich mit Bild im Kopf.

Also bei K zum Beispiel:

  • Katze
  • Koffer
  • Kiwi
  • Kaktus
  • Klobürste
  • Keks

Danach kommt U, dann C, dann H – wobei viele laut eigener Aussage gar nicht so weit kommen, weil sie vorher einschlafen.

Oder anders gesagt:

Man beschäftigt das Gehirn so lange mit harmlosen Mini-Bildern, bis es irgendwann aufgibt und einfach den Stecker zieht.

Das Prinzip: Das Hirn mit belanglosem Unsinn ruhigstellen

Und ganz ehrlich?
Das klingt fast schon genial.

Denn wer schlecht einschläft, kennt das eigentliche Problem:
Nicht der Körper ist wach – das Hirn ist es.

Es will:

  • planen
  • grübeln
  • bewerten
  • Katastrophen simulieren
  • Zukunft ruinieren
  • Vergangenheit neu verhandeln

Cognitive Shuffling macht mit diesem inneren Wahnsinn kurzen Prozess.

Statt:

„Was, wenn ich morgen im Meeting komplett versage?“

denkt man plötzlich:

„Käse. Kran. Krokodil. Kartoffel. Kissen.“

Das ist ungefähr so, als würde man einem hyperaktiven Gedankenmonster ein Bilderbuch in die Hand drücken und sagen:

„Hier, beschäftige dich mal mit Supermarktartikeln, bis du müde wirst.“

Entwickelt von einem Professor – also nicht nur TikTok-Zauberei

Erfunden wurde die Methode übrigens nicht von irgendeinem selbsternannten Schlaf-Guru mit Ringlicht und Lavendel-Abo, sondern von Luc P. Beaudoin, einem kanadischen Wissenschaftler.

Er nennt das Ganze etwas sperriger:

„Serial Diverse Imagining“

Klingt natürlich deutlich weniger sexy als Cognitive Shuffling, aber der Gedanke dahinter ist spannend:

Beim Einschlafen produziert das Gehirn ganz natürlich bereits zerstreute, zusammenhanglose Mini-Bilder – so eine Art Vorstufe zum Träumen. Beaudoin nennt das „Micro-Dreams“.

Cognitive Shuffling versucht also, diesen Zustand künstlich nachzubauen.

Heißt:

Man trickst das Gehirn aus, indem man es so denken lässt, als würde es schon halb schlafen.

Das ist nicht dumm.
Das ist fast schon psychologische Sabotage am eigenen Grübelzentrum.

Warum es offenbar besser funktioniert als Schäfchenzählen

Das klassische Schäfchenzählen hat bekanntlich ungefähr denselben Ruf wie Kamillentee: nett gemeint, aber oft nur begrenzt wirksam.

Warum?

Weil man beim Zählen wunderbar parallel weitergrübeln kann.

  • Schaf 1
  • Schaf 2
  • Schaf 3
  • Habe ich eigentlich die Mail an Müller geschickt?
  • Schaf 4
  • Schaf 5
  • Was, wenn ich in zehn Jahren verarme?

Cognitive Shuffling ist da cleverer, weil es das Gehirn stärker beschäftigt, ohne es aufzudrehen.

Es ist:

  • zu simpel, um Stress auszulösen
  • zu chaotisch, um Planung zu fördern
  • zu belanglos, um Emotionen zu triggern
  • aber komplex genug, um Grübeln zu verdrängen

Oder wie man bei diebewertung sagen würde:

Das Gehirn wird nicht beruhigt – es wird mit sinnlosem Kleinkram beschäftigt, bis es kapituliert.

Aber Vorsicht: Nicht jedes Wort ist schlau

Wichtig ist laut Schlafexperten, dass man neutrale Begriffe nimmt.

Also lieber:

  • Tiere
  • Gegenstände
  • Lebensmittel
  • Dinge aus dem Supermarkt

Und eher nicht:

  • Ex-Freundin
  • Steuerbescheid
  • Trump
  • Aktienkurs
  • Chef
  • Krieg
  • Mietvertrag

Denn wenn man bei „Arbeit“ startet und dann bei A sofort an:

  • Abmahnung
  • Anruf
  • Ärger
  • Anspannung
  • Altersarmut

denkt, hat man das Konzept eher missverstanden.

Funktioniert das wirklich?

Die ehrliche Antwort:
Bei manchen ja. Bei manchen nein.

Es ist kein Zaubertrick.
Kein Schlafknopf.
Kein Garant.

Aber: Es gibt Studien, positive Erfahrungsberichte und offenbar viele Menschen, bei denen es tatsächlich besser funktioniert als Atemübungen, Rückwärtszählen oder das verzweifelte Starren an die Zimmerdecke.

Und das allein ist schon mehr, als man über 80 Prozent der „Schlaf-Hacks“ auf Social Media sagen kann.

DieBewertung meint

Cognitive Shuffling ist vielleicht der erste halbwegs vernünftige Schlaftrend seit langer Zeit.

Kein Esoterik-Nebel.
Keine Mondphase.
Kein Magnesium-Märchen.
Kein 79-Euro-Coaching von einem „Mindset-Sleep-Mentor“.

Sondern im Kern einfach:

Das überdrehte Gehirn mit belanglosen Bildern fluten, bis es auf Schlafmodus umschaltet.

Das klingt banal – aber genau deshalb könnte es funktionieren.

Denn manchmal braucht der Mensch eben keine tiefen Lebensweisheiten, sondern nur:

Keks. Kamel. Kissen. Kiwi. Kühlschrank.

Und plötzlich ist Ruhe im Kopf.

Oder zumindest genug Ruhe, damit das Gehirn endlich aufhört, um 2:17 Uhr morgens die gesamte Lebensbilanz neu zu berechnen.

Fazit

Cognitive Shuffling ist im Grunde das, was herauskommt, wenn Wissenschaft und Schlafmangel gemeinsam beschließen, das Gehirn mit völlig harmlosen Mini-Fantasien lahmzulegen.

Nicht jeder wird damit einschlafen.
Aber viele dürften feststellen:

Es ist allemal besser, nachts an Karotten, Koffer und Krokodile zu denken als zum 87. Mal an die Frage, warum man 2014 in diesem einen Gespräch so einen Unsinn gesagt hat.

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