Auf dem Papier hat China geliefert. Mit offiziell fünf Prozent Wirtschaftswachstum erfüllt Peking exakt das selbst gesetzte Ziel – ein Wert, der Stabilität suggerieren soll in einer Phase globaler Unsicherheit und geopolitischer Spannungen. Doch hinter der glatten Zahl verbirgt sich eine deutlich komplexere Lage. Die jüngsten Daten zeigen weniger wirtschaftliche Stärke als vielmehr die wachsende Abhängigkeit von Exporten und politisch motivierter Statistik.
Dass das Wachstum im Schlussquartal 2025 auf 4,5 Prozent zurückfiel, ist ein Warnsignal. Noch deutlicher wird der Widerspruch, wenn man die Strukturen betrachtet, die dieses Ergebnis tragen. Rekordexporte – befeuert durch eine massive Ausrichtung auf Märkte außerhalb der USA – haben geholfen, die Vorgabe zu erreichen. Gleichzeitig schwächeln genau jene Bereiche, die langfristige Stabilität sichern sollen: Konsum, Investitionen und der Immobiliensektor.
Die Zweifel vieler Ökonomen an der Aussagekraft der offiziellen Zahlen sind deshalb wenig überraschend. Wenn Analysten davon ausgehen, dass das reale Wachstum um mehr als einen Prozentpunkt niedriger liegt, ist das kein Detail, sondern ein politisches Problem. In einem System, in dem wirtschaftliche Kennzahlen eng mit politischer Legitimation verknüpft sind, steht der Zielwert oft stärker im Fokus als die tatsächliche Dynamik.
Hinzu kommt die demografische Entwicklung, die zunehmend zur strukturellen Belastung wird. Die niedrigste Geburtenzahl seit Gründung der Volksrepublik ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern Ausdruck eines tiefen gesellschaftlichen Wandels. Steuerliche Anreize und Appelle allein werden kaum reichen, um diesen Trend umzukehren. Eine schrumpfende und alternde Bevölkerung verschärft den Druck auf Wachstum, Sozialsysteme und Arbeitsmarkt zugleich.
Außenpolitisch wird die Lage nicht einfacher. Die Handelspolitik von Donald Trump bleibt ein Unsicherheitsfaktor, selbst wenn die zuletzt verhängten US-Zölle niedriger ausfielen als befürchtet. Chinas Strategie, Exportverluste in den USA durch andere Märkte zu kompensieren, ist kurzfristig erfolgreich – aber riskant. Ein Wirtschaftsmodell, das weiterhin stark auf Ausfuhren setzt, macht das Land anfällig für neue Handelskonflikte und protektionistische Gegenreaktionen.
Im Inland verschärft der anhaltende Immobilienabschwung die Lage. Fallende Hauspreise, massive Rückgänge bei Investitionen und eine schwache Konsumnachfrage zeigen, dass Vertrauen fehlt – bei Unternehmen wie bei Verbrauchern. Die niedrigen Einzelhandelsumsätze sprechen eine deutlichere Sprache als jede Wachstumszahl.
Die politische Führung um Xi Jinping steht damit vor einer klassischen Bewährungsprobe: Stabilität lässt sich nicht dauerhaft über Exporte und staatlich gelenkte Investitionen sichern. Die angekündigte aktivere Fiskalpolitik deutet an, dass das Problem erkannt ist. Ob sie reicht, um Konsum und private Investitionen nachhaltig zu beleben, bleibt offen.
China hat sein Wachstumsziel erreicht – doch nicht aus eigener wirtschaftlicher Balance heraus. Das eigentliche Risiko liegt nicht im Verfehlen einer Zahl, sondern darin, sich zu lange auf ihre Symbolkraft zu verlassen.
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